Dienstag, 4. Juni 2013

Hochwasser in Halle am 3. und 4. Juni 2013

Dass es so schlimm wird, damit hat niemand gerechnet - das hat wohl auch niemand befürchtet. Aber der Pegel der Saale stieg auf über 7 m seit gestern morgen, so dass in Halle der Katastrophenfall ausgerufen wurde.
Ich habe wie alle Hallenser das Steigen des Hochwasserstands im Internet in diversen Live Tickern und auf Twitter und Facebook verfolgt. Und irgendwann gestern Abend hieß es dann: Der Gimritzer Damm bricht! Das bedeutet: Die ganze Hallenser Neustadt säuft ab, denn die liegt zum Teil unterhalb des Saale-Pegels, auch wenn kein Hochwasser herrscht. Es wurden deshalb Helfer gesucht, die Sandsäcke befüllen, um den Damm zu stärken.
Gestern Abend gegen 22 Uhr machte ich mich deshalb auf den Weg in die dunkle Heide zum Hubertusplatz. Auf Umwegen und teilweise zu Fuß, denn die Straßenbahnen fuhren schon nicht mehr auf dem Gimritzer Damm. Am Hubertusplatz war Sand abgekippt worden; Hunderte von überwiegend jungen Leuten waren bereits dabei, in unglaublicher Eile den Sand in Säckchen zu füllen - es waren schon fast zu viele. Ich schaute ein paar Minuten lang zu, durchschaute schließlich das System des Ameisengewimmels, reihte mich ein und arbeitete mit: Säckchen aufhalten, Sand reinschippen lassen, Säckchen zubinden, Säckchen an die Träger übergeben. Später dann Mitglied einer Kette, die Sack für Sack erst auf einen Haufen, dann auf Transporter lud. Dann Säcke aufschütteln und umkrempeln, wieder zubinden, weiterreichen... Nach gut zwei Stunden waren zwei Tieflader Sand weggeschaufelt und erstmal Ebbe - am Hubertusplatz. Meine Finger bluteten von den scharfen Schnüren. Ich fuhr mit dem Taxi nach Hause. Unterwegs sah ich "unsere" Transporter mit "unseren" Säckchen, die gerade abgeladen und in den Damm eingebaut wurden.
Heute Morgen dann die Nachricht im Internet: Der Damm hält noch. Schön. :o)
Mir taten alle Knochen weh. Zum weiteren Schleppen von Säcken fühlte ich mich nicht in der Lage. Ich schaute deshalb im Internet, wo noch Helfer benötigt werden - und stieß auf die Freiwilligen-Agentur, die laut nach Helfern zum Brötchenschmieren riefen. Da eilte ich hin. Es war überwältigend zu sehen, wie hilfsbereit die Hallenser sind. Viele viele Lebensmittel wurden von Märkten, Bäckereien und Privatpersonen gespendet. Rührend - sogar Brötchentüten mit 10 Semmeln wurden abgegeben - und sie waren uns herzlich willkommen! Denn alles, was an Brot und Brötchen, Aufschnitt, Käse und Butter da war, war in kürzester Zeit dank vieler fleißiger Hände zu leckerem Proviant verarbeitet, in Kisten gepackt und zu den Einsatzorten transportiert worden. Immer wieder gab es Leerlauf, bis neue Lebensmittel von Geldspenden eingekauft oder neue Lebensmittelspenden eingetroffen waren. Aber geschafft wurde viel! Und es kam Dank von den Feuerwehrleuten, die ausrichten ließen, dass es die erste Verpflegung war, die sie heute erhalten hatten.
Die Leute von der Freiwilligen-Agentur sind unheimlich gut organisiert! Ständig telefonieren sie mit ihren Freiwilligen vor Ort (also an den Krisen-Orten), lassen sich durchgeben, wo noch Helfer benötigt werden und auch wo nicht (das finde ich wichtig!) und posten dies aktuell auf ihrer Facebook-Seite. Meiner Meinung nach sind deshalb ihre Meldungen aktueller und nützlicher als jeder andere Live Ticker, weil hier Hilfe koordiniert wird, ohne dass unnötige "Knäuel" entstehen, wie heute Nachmittag auf dem Hallmarkt und am Hubertusplatz, wo so viele Leute Sand schippen wollten, dass mehr behindert als geholfen wurde.
Hätte ich gestern nur zuerst auf der Agentur-Seite nachgesehen, dann wäre ich vermutlich woandershin helfen gefahren, wo man mich dringender gebraucht hätte. Auf jeden Fall werde ich mich morgen früh gleich bei der Freiwilligen-Agentur informieren, wo was getan werden muss. Und dann hoffentlich auch erfahren, dass der Saale-Pegel am Sinken ist. Drückt uns die Daumen!