Donnerstag, 16. Mai 2013

Der große Gatsby - ganz großes Kino!

Verfilmte Weltliteratur wirkt auf mich eigentlich einschüchternd – besonders, wenn ich das Buch nicht gelesen habe und befürchte, den Inhalt nicht zu verstehen. Bei Gatsby war das anders.
Ich war schon durch die Vorschau im Kino mächtig neugierig, versprachen doch die Filmausschnitte jede Menge Hollywood-Glamour. Und manchmal braucht frau so etwas.

Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Ein junger, schöner Habenichts (überraschend erwachsen: Leonardo DiCaprio) verliebt sich in die entzückende Südstaatentochter Daisy (rührend süß: Carey Mulligan) aus gutem, reichen Hause und kann sie nicht heiraten. Fünf Jahre später und (dank der Prohibition) um einige Millionen reicher zieht er als Jay Gatsby in die riesige Villa an der Bucht genau gegenüber Daisys Haus und inszeniert prächtig glitzernde, schrille Feste für die New Yorker High Society und alle, die gern dazu gehören würden. Er benutzt seinen Nachbarn und Cousin Daisys Nick Carraway (überzeugend naiv: Tobey Maguire), um Gelegenheiten zu schaffen, Daisy wiederzusehen, sie zu beeindrucken und die Vergangenheit wiederzubeleben.
Das Drama scheint vorprogrammiert: Verstrickt in seine geschickt konstruierten Abenteuerstorys, bei denen nie klar ist, wieviel davon wahr und wieviel Gerücht ist, erkennt Gatsby nicht, dass sich die Vergangenheit weder verleugnen noch ändern lässt. Statt zu akzeptieren, dass Daisy in den fünf Jahren seiner Abwesenheit eine Ehe lebte, will er sie zwingen, zuzugeben, dass es immer nur er - Gatsby – war, den sie liebte. Unter Druck gesetzt und verwirrt verursacht Daisy einen Verkehrsunfall, bei dem eine Frau (die Geliebte ihres Mannes) stirbt. Gatsby – aus tiefer Liebe dazu bereit, die Schuld am Unfall auf sich zu nehmen – wird vom Ehemann der verunglückten Frau umgebracht. Daisy kehrt zurück in ihre Ehe.

Der Film hat Tempo, wenn in atemberaubend schnellen Bildern die rauschenden Partys vorbeiwirbeln oder Gatsby in seinem schicken gelben Automobil durch New Yorks Wolkenkratzer-Schluchten saust, untermalt von mitreißenden Hip Hop Songs, die viel besser die heranrollende Moderne wiederspiegeln, als die originale Charleston-Musik der 20er Jahre das gekonnt hätte.
Denn modern ist dieser Gatsby – im rosa Anzug, neureich, Chancen nutzend. Und doch ist er der einzige, dem die alten Werte – wahre Liebe, Vertrauen und Moral – etwas bedeuten.

Der Film hat aber auch Längen, wenn sich die dramatischen Dialoge zu unangenehm rührseligen Momenten ausweiten und den Film regelrecht brechen.

Aber vor allem hat der Film eins: Glamour! Unzählige Kristalle, Goldflitter, Lametta und Lichter als Sinnbild von Reichtum und Geltungssucht blenden den Zuschauer – und Daisy - förmlich. (Ich war ganz hingerissen von den vielen, sorgfältig beachteten Details – von Bauhaus-Schreibtischlampen bis hin zum Art-Deco-Teeservice!)
Aber schnell wird klar: Sein Reichtum bedeutete Gatsby nichts. Er schaffte ihn nur für Daisy, weil er meinte, dass sie diese finanzielle Absicherung verdiente, wenn sie sich für ihn entschied. Was sie letztlich nicht tat.

Traurig die Vorstellung von einem alternden, lächerlich wirkenden Lebemann, zu dem Gatsby geworden wäre, hätte er überlebt, verbittert und gefangen in der Vergangenheit. So starb er als Held, der große Gatsby, unbeirrt an die Liebe glaubend.
Seine Geschichte endet also tragisch, aber folgerichtig - mit dem letzten Satz des Romans von F. Scott Fitzgerald: "So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu."
Und das ist wahr.