Dienstag, 23. April 2013

Blogger schenken Lesefreude! Buch-Rezension zu Wolfgang Herrndorfs "Tschick"

Ich hatte euch ja schon erzählt, dass ich „Tschick“ zuerst als Theaterstück sah, bevor ich das Buch las. Sowas ist selten.

Im Theater nur sparsam mit Kulissen illustriert, hatte ich bereits dort beim Zuschauen ein lebhaftes Kopfkino. Und ich war gespannt, ob beim Lesen meine Phantasie die gesehenen Szenen verdrängt oder ob sie sich miteinander vermischen. Ersteres war der Fall. Die lebendige Sprache von Wolfgang Herrndorf beschwor so bunte Bilder herauf, dass ich das Buch sofort hätte verfilmen können.

Aber was ist denn nun „Tschick“? Oder besser gefragt: Wer ist Tschick?

Tschick ist der Spitzname des neuen Mitschülers von Maik. Maik ist vierzehn Jahre alt, geht aufs Gymnasium und hat keinen Spitznamen – bis auf eine kurze Zeit, in der ihn alle „Psycho“ nannten, weil er einen ehrlichen und undramatischen Aufsatz über die Alkoholsucht seiner Mutter schrieb. Maik ist ein Außenseiter, auch schon vor dem Aufsatz. Er hält sich selbst für langweilig und hat keine Freunde. Und auch keine Hoffnung, dass sich das jemals ändert.

Bis Tschick in die Klasse kommt. Tschick heißt mit vollem Namen Adrej Tschichatschow und ist Russe. Genauer gesagt: deutschstämmiger Russe und jüdischer Zigeuner mit Wurzeln an der Wolga und in der Walachei, wie er sagt. Zu Anfang der Sommerferien drängt sich Tschick in Maiks trostloses Leben. Erst widerwillig, später mehr und mehr neugierig freundet sich Maik mit dem durchgeknallten Tschick an und lässt sich von ihm überreden, mit einem geklauten Lada in den Urlaub zu fahren. Denn allzu verlockend erscheinen ihm die Sommerferien sowieso nicht. Seine Mutter ist gerade wieder in der Entziehungsklinik, sein Vater nutzt die Gelegenheit, mit seiner Geliebten zu verreisen. Und Maik ist allein mit sich, wie immer eigentlich.

Ursprünglich wollten die beiden Jungs ja auch nur auf Tatjanas Party vorbeischauen, zu der sie nicht eingeladen sind, was besonders Maik sehr kränkt, da er unsterblich in die Klassenschönheit verliebt ist. „Alle in der Klasse sind voll in Tatjana. Aber voll.“, sagt Tschick, der sich wundert, dass Maik das anscheinend kalt lässt, und erst allmählich aus ihm herauskitzelt, dass Maik ihr sogar ein Bild als Geburtstagsgeschenk gezeichnet hat.

Die verblüfften Gesichter der Partygäste versetzen die Jungs in ein Hochgefühl. Am nächsten Morgen machen sie sich mit dem Lada und sorglos zusammengestoppeltem Proviant auf den Weg quer durch Ostdeutschland in Richtung Walachei, wo immer die liegen mag.

Unterwegs begegnen den Jungs immer wieder merkwürdige Menschen. Schnell lernen die beiden, dass man, wenn man erst mal seine Vorurteile abgelegt hat, hinter Schrullen und Macken liebenswerte und hilfsbereite Menschen entdecken kann. Da gibt es eine kinderreiche Öko-Familie mit ungeheurem Allgemeinwissen. Den paranoiden Einsiedler, der die letzten Häuser seines Dorfs verteidigt, das dem Braunkohletagebau weichen soll. Ein tollpatschiges, herzliches Flusspferd. Und Isa, das Mädchen von der Müllkippe, das sich den Jungs ungebeten anschließt und zu einer neuen, zarten Liebe für Maik wird.

Die Reise endet mit einem schlimmen Unfall auf der Autobahn und holt die Jungs abrupt zurück in die Realität. Die Konsequenzen: ein Gerichtsverfahren, Tschick muss ins Jugendheim, Maik muss soziale Arbeit leisten.

Doch obwohl die Freunde nun getrennt sind, obwohl Isa weg und unklar ist, ob Maik sie je wiedersieht, bleibt ihnen allen das Gefühl, einige unvergessliche Sommertage - ein richtig großes Abenteuer - erlebt zu haben, das sie irgendwie wachsen ließ, das sie zusammengeschweißt hat und eines Tages wieder auf Anselm Wails Hohem Berg stehen lassen wird - in 50 Jahren , am 17. Juli 2060 um fünf Uhr nachmittags.

Die atemlos machende, rasante, großartige Verrücktheit der Geschichte klang in mir lange nach. Hervorgerufen durch Wolfgang Herrndorfs phantastisch bildhafte, ungekünstelte Sprache. Ihm nimmt man den jugendlichen Jargon ab (denn die Geschichte wird aus Maiks Sicht erzählt), seine Worte klingen nicht wie eine auf jung getrimmte Erwachsenensprache, die sich bemüht, die Jugend zu imitieren. Nein, das hier ist echt und fühlbar. Kopfkino mit Filmmusik - Nick Drakes „Pink Moon“, Grillenzirpen und Wind im offenen Autofenster. Mit dem Geruch nach reifem Getreide, Müll, Benzin und Staub. Und mit Sommerhitze in Kunstledersitzen und feuchter Wiesenkühle unter einem unendlichen Sternenhimmel.

Und nun hab ich mich beim Nachblättern im Buch wieder festgelesen. Will das Gefühl nicht loslassen und gern mit euch teilen.
Wer von mir ein Exemplar von Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ erhalten möchte, schreibt mir unter diesen Blog einen Kommentar (bis zum 30.4.13 um 20 Uhr) – ob er neugierig geworden ist oder sich amüsiert hat, zum Beispiel. ;o) Anlässlich des heutigen Welttages des Buches verlose ich unter allen Kommentierenden ein Exemplar des Buchs!

Viel Glück für euch! Und ganz viel Spaß beim Lesen!!

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Nachtrag vom 30.4.: Wenn ihr wissen wollt, wer gewonnen hat, klickt mal hier! ;o)