Freitag, 11. November 2011

Der Falschparker - ein #Tramfahren-Special

Die Tram kam pünktlich um 16:30. Wir waren kaum fünfzig Meter weit gefahren, da stoppten wir und hörten lautes Geklingel, mehrfach, ausgelöst vom Tramfahrer. Zwei Minuten lang standen wir ratlos herum, dann eine Durchsage: „Werte Fahrgäste, die Fahrt kann nicht fortgesetzt werden, weil auf den Schienen ein Fahrzeug parkt.“ Sofort setzte unwilliges Gemurmel ein. Meine Kollegin regte sich deutlicher auf. „So eine Frechheit! Jetzt verpasse ich meinen Bus! Man müsste die Polizei rufen! Kann doch nicht jeder parken, wo er will!“ Ich stimmte zu, pauschal und müde, und überlegte, welche Kettenreaktion jetzt wohl einsetzen würde. Auf dieser Strecke fährt nur eine Linie, in bestimmten Abschnitten nur auf einem Gleis. Die Bahn, die uns entgegenkommt, muss also ebenfalls warten, bis unsere Bahn an der Weiche, an der das Gleis aufgabelt, angekommen ist. Die Bahn, die hinter uns kommt (allerdings erst in einer halben Stunde) müsste im schlimmsten Fall ebenfalls warten.
Es vergingen wieder ein paar Minuten, in denen meine Kollegin weiter schimpfen konnte. Dann kam die nächste Durchsage: „Werte Fahrgäste, die entgegenkommende Bahn wird gleich hier ankommen. Bitte steigen Sie in diese Bahn um, sie wird mit Ihnen zurückfahren.“ Clever, dachte ich, denn auf diese Lösung war ich gar nicht gekommen.
Wir stiegen aus und besichtigten den schwarzen Corsa, der mit eingeschalteter Warnblinkanlage halb auf den Schienen stand. Zugegeben, nicht sehr schlau geparkt, denn die Straßenbahnschienen sind ja deutlich zu sehen. „Das kann doch nicht wahr sein! Jetzt stehen wir wegen DEM HIER herum!“, moserte meine Kollegin, und eine ältere Frau pflichtete ihr bei: „Wenn das nun jeder machen würde?!“ Neben uns standen ein paar Halbwüchsige, die unter unflätigem Fluchen auf die Straße rotzten. Ich schlug - nur halb im Spaß - vor, dass wir doch genug Leute wären, um den Corsa von den Schienen zu heben. Das Gelächter um mich herum klang nicht lustig.
Als nach fünf Minuten die Gegenbahn angekündigt wurde, da kam auch die junge Frau, der das Auto gehörte. „Schuldigung!“, rief sie und stieg in ihr Auto. „Die sollte sich was schämen!“, rief irgendjemand halblaut, hübsch an ihr vorbei in die Dunkelheit gesandt. „Mache ich ja!“, rief sie zurück und kletterte hektisch in ihr Auto. Weiteres anonymes Gemecker („jaja, jetzt kommt’se! kann die sich nicht mal entschuldigen? Fotze!!“) begleitete sie. Sie saß gerade drin, da wurde die ältere Frau laut: „Was denkst die sich eigentlich?? Das möchte ich echt mal wissen! Die muss sich doch irgendwas gedacht haben!“ Mir lag auf der Zunge zu sagen, wieso sie denn das die junge Frau nicht gefragt hat, als sie noch nicht im Auto war, denn nun würde diese ihre Fragen ja nicht mehr hören können.
Aber ich schluckte es herunter, als ich beobachtete, dass die junge Frau vor lauter Nervosität auf den Bürgersteig anstatt an der Bahn vorbei auf die Straße fuhr. Als sie merkte, dass sie nun in der Falle saß, wollte sie den Rückwärtsgang einlegen und wieder aus der Lücke herausmanövrieren. Mittlerweile hatten sich aber hinter ihrem Auto die Halbstarken aufgebaut. Fluchend und spuckend, die Schultern in den Kapuzenanoraks drohend nach oben gezogen und mit den Rücken zur Heckscheibe des Wagens, hinderten sie die Frau daran, loszufahren.
Die Gegenbahn fuhr vor und das Knäuel löste sich auf. Kopfschüttelnd blickte der Straßenbahnfahrer noch einmal durch die Autoscheibe zu der jungen Frau hinein, bevor er mit seinem Kollegen, ganz gemütlich, den Platz und damit die Straßenbahn tauschte.
Alles in allem hatte diese Episode vielleicht zehn Minuten gedauert und nicht mehr Schaden als einen verpassten Bus und ein bisschen kalte Füße verursacht. Und vielleicht den einen oder anderen unbemerkten Herzinfarkt - wer weiß?