Mittwoch, 13. April 2011

Die Oma aus Omsk - ein Tramfahren-Special

In der Straßenbahn möchte eine kleine Omi samt weißer Strickmütze und Einkaufsrolli mit mir aussteigen. Ich drücke auf den Halteknopf und warte, bis sie die Stufen hinuntergeklettert ist, bevor ich auch aussteige.
Draußen bedankt sie sich bei mir. Ich bin verwundert – wieso sie sich bedankt, möchte ich wissen. Nuja, sagt sie (mit hübschem „Jelbe-von-det-Ey“-Akzent), bei Menschen, die einem im Alltag lieb und nett begegnen, müsse man sich bedanken. Immerhin hätte ich den Knopf gedrückt und sie zuerst aussteigen lassen.
Ich lache verlegen und winke ab und sage, dass das doch klar ist. Nee nee, meint sie, das wäre nicht selbstverständlich. Wo sie herkommt, frage ich sie, denn ihr Akzent klingt so niedlich. Sie kommt aus Omsk, aus Sibirien, erklärt sie, und lacht mich mit hundert Goldzähnen ab, als ich staune: so weit weg! Ja, sagt sie, aber sie lebt nun schon seit sieben Jahren in Deutschland. Ich staune wieder, denn sie spricht ganz hervorragend Deutsch. Das ist kein Wunder, erzählt sie, ihre Mutter, die immerhin fünfundneunzig Jahre alt geworden ist, hat ihr ganzes Leben lang mit ihr Deutsch gesprochen, denn ihre Familie sind Russlanddeutsche – Wolgadeutsche.
Wie es sie nach Deutschland verschlagen hat, möchte ich wissen. Hierher ist sie mit ihren Kindern gezogen, zuerst nach Halle. Aber da gab’s keine Arbeit. Ihre Söhne fanden dann Jobs in „Gietersloh“ und Bielefeld, ihre Frauen auch, im Krankenhaus. Nur sie ist hiergeblieben, allein. Und sie ist nun schon einundachtzig.
Irre, was man auf einem Hundertmeterfußweg alles erfährt. Und wie viel man dann am liebsten noch wissen möchte. Woher ihre Familie ursprünglich stammt, zum Beispiel, und wie sie nach Omsk gekommen sind. Aber an der Ampel trennen sich unsere Wege. Sie wünscht mir alles Liebe und Gute – und ich ihr auch, von ganzem Herzen.