Montag, 13. Dezember 2010

Ein Tramfahren-Special

Beim Tramfahren sehe und erlebe ich jeden Tag so viel, dass es eigentlich unmöglich ist, auch nur das Wichtigste bzw. Auffälligste in 140 Twitter-Zeichen zu zwängen.
Deshalb gibt es jetzt für euch mal ein paar Erläuterungen und ein spezielles Erlebnis von meiner heutigen Heimfahrt.
Beinahe täglich treffe ich in der Straßenbahn die gleichen Leute. Es ist nett zu sehen, dass sie auch mich erkennen. Manche lächeln vage, wenn ich sie anschaue. Ganz selten nickt mir jemand zu. Meist blicken wir uns nur kurz an und schauen zeitgleich wieder weg. Schade eigentlich, hm?

Ein paar der Leute möchte ich euch vorstellen - andere Leute beschreibe ich euch ein anderes Mal.

Da sind die vier Fellkapuzen-Inder. Ich weiß nicht genau, ob sie aus Indien sind. Aber sie sehen so aus. Wenn sie reden, sprudeln viele weiche Konsonanten über ihre Lippen, schnell und knatternd wie ein gut gefettetes Maschinengewehr (falls man das fettet). Die vier Jungs tragen alle dicke Anoraks mit Kapuzen und dazu Ohrenschützer - und sehr oft einen Thermosbehälter an einem Riemen über der Schulter. Ich habe keine Ahnung, was sie darin transportieren. Einen Rest Curry vom Abendessen vielleicht? Oder Plutonium? ;o)
Der schwarze Mann ist ein ziemlich haarloser Mann etwa in meinem Alter, der immer schwarz gekleidet ist und Kaugummi kaut. Im Winter trägt er einen schwarzen Filzhut, im Sommer einen hellen Strohhut. Er steigt an der gleichen Haltestelle aus wie die vier Inder.
Die Schläferin treffe ich morgens und nachmittags. Sie ist genauso klein wie ich, ihre Füße baumeln auch kurz über dem Boden, und sie hat kurze rote Haare. Wenn sie wach ist, lächelt sie mich an. Aber meist schläft sie. Oft hat sie ein Buch in den Händen, aber ich habe sie noch nie umblättern sehen.
Die Katzenfrau ist eine junge Frau mit besonders schönen Augen: groß und leicht schräg stehend. Ihre ausgeprägten Wangenknochen und die Stupsnase lassen sie aussehen wie eine Katze. Sie ist immer sehr schick angezogen.
Der Kupfermann fährt nur alle paar Wochen mit. Er trägt dann immer eine große Spirale glänzenden Kupferdraht über der Schulter und steigt bei einem Schrotthändler aus. Das letzte Mal hatte er den Draht mit einem Kopfkissenbezug getarnt und wurde beim Schwarzfahren erwischt. ;o)
Mein Lieblingsmitfahrer ist ein junger Mann, kaum größer als ich, aber sehr nett aussehend. Er lächelt mich immer an, ganz wenig, wenn wir uns sehen. Er spricht fließend englisch mit seiner Kollegin, der Mürrischen. Er fährt nicht täglich mit, aber oft.
Das Englisch der Mürrischen hat einen besonderen, harten Akzent. Wenn sie allein fahren muss, dann döst sie, mit verdrossen zusammengezogenen Augenbrauen, in ihrem Sitz. Ihre feinen Haare fallen ihr dabei ins Gesicht und durch ihre dunkle Hornbrille schaut sie noch mürrischer aus. Ich glaube, ihr täglicher Arbeitsweg ist sehr weit und sie ist deshalb so müde.
David Duchovny ist vermutlich noch Azubi, ich schätze ihn auf knapp zwanzig. Er fährt immer nur drei-vier Haltestellen mit und ähnelt tatsächlich dem Schauspieler, mit Nase, Augen und Mund. Ob er das weiß?
Das Gesundheit-Mädchen fährt fast jeden Tag mit. Sie ist noch sehr jung, liest fast immer dicke Bücher, beobachtet allerdings auch sehr neugierig, wer zu- und aussteigt. Und sie hat mir nett "Gesundheit" gewünscht, als ich geniest habe.
Die Popel-Frau ist auch noch recht jung, wirklich nicht hübsch und leider auch nicht gut erzogen. Ihren Müll lässt sie unter den Sitz fallen und ihr Handy dient ihr als Ghettoblaster. Sie kleidet sich bevorzugt nuttig-pink, was sich heftig mit ihren rotblonden Haaren beißt, mustert ihre Umgebung grundsätzlich mit vernichtenden Blicken und bohrt ungeniert und gründlich in der Nase.
Das Stinkemädchen steigt zusammen mit ihrer Mutter (wie ich vermute) und einem viel jüngeren Geschwisterchen ein. Das Stinkemädchen ist ca. 18 Jahre alt und Schülerin, immer sehr aufreizend und nur leicht bekleidet, stark geschminkt und hat einen auffällig dicken Mund, der aussieht wie aufgespritzt - was er aber nicht ist. Das Mädchen riecht immer irgendwie ungewaschen und nach Zigaretten. Ihre Mutter (oder ältere Schwester?) ähnelt ihr sehr. Das kleine Kind, das die Mutter morgens mit der Bahn zum Kindergarten bringt, könnte auch vom Stinkemädchen sein...
Die rosa Oma steigt auch an der Haltestelle der Stinkemädchen-Familie ein. Die alte Frau ist weißblond gefärbt und trägt rosa oder weiße Anoraks und kichert mädchenhaft, wenn sie sich einen Sitzplatz aussuchen soll und sich nicht entscheiden kann.
Die Lehrlingstruppe treffe ich nur nachmittags, wenn ich zeitiger Feierabend mache. Es sind etwa zehn junge Leute, immer laut und lustig. Besonders auffällig sind ein junger Mann mit Haifischlächeln, der eine Art Wortführer ist und etwas älter aussieht als die anderen Jungs, und ein Mädchen, das immer (IMMER!) lächelt, was mir unheimlich ist.

Und manchmal treffe ich den Punk... So wie heute. Der Punk hat viele lustige rote Teufelshörnchen, jede Menge Piercings in Nase und Lippen, Stern-Tattoos auf der Stirn und eine schöne große, rabenschwarze Hundedame namens Emi, die sehr gut erzogen ist. Heute hatte der Punk einen Kumpel und eine Flasche Baileys dabei und setzte sich mir gegenüber. Neue Fahrgäste begrüßte der Punk mit lautem "Buh!!" oder "Arschloch!", entschuldigte sich aber immer gleich mit einem "habe Tourette - nee, ich verarsche Sie nur, sorry!". Da niemand reagierte, jammerte er schließlich "keiner spielt mit mir". Als er merkte, dass ich grinsen musste, vertraute er mir an: "Oh Mann, mir tut vielleicht die Kiste weh. Hämorrhoiden sind echt eklig." Fand ich auch. Sein Kumpel lachte und meinte, dass mich das sicher nicht interessieren würde. "Doch!", meinte der Punk, "sie hört mir doch zu!" Und er hatte Recht. ;o)
Der Punk stieß mit seinem Kumpel an und erlaubte Emi, sich auf den Sitz neben ihm zu setzen. Emi nahm Platz und saß stolz und sehr artig und uns alle überragend auf dem Sitz. Und niemand meckerte - alles lächelte. Der Punk führte kleine Tricks mit Emi vor: Folgsam gab sie "Fünf", erst links, dann rechts. Dann wiegten Hund und Herrchen synchron ihre Köpfe hin und her und gaben sich Küsschen. Und nach jedem Trick wurde die "elegante Schlampe", wie der Punk seinen Hund liebevoll nannte, herzlich geknuddelt.
Ich fand's wirklich schade, als die drei ausstiegen.

Morgen geht's weiter mit meinen Kurzberichten vom Tramfahren. Und jetzt seid ihr auch informiert, von wem ich da berichte. ;o)