Samstag, 7. November 2009

Vom Erwachsenwerden und Erwachsensein

Auszug aus "Höhenrausch" von Ildikó von Kürthy

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber früher waren die Leute mit Mitte dreißig älter als heute. Früher gab es den Begriff „junge Erwachsene“. Die dazu passenden Menschen sind aber irgendwie ausgestorben.

Mein Vater hat sich nicht gefragt, ob er mit achtunddreißig schon bereit sei, Verantwortung für eine Familie zu übernehmen, oder welche Turnschuhmarke zurzeit modern ist. Mein Vater hatte da schon zwei Kinder, den Beruf, den er bis zur Rente behalten würde, und trug die Schuhe, die ihm meine Mutter kaufte.

Irgendwann ist es uncool geworden, erwachsen zu sein, und es erschienen Magazine, die auf dem Cover mit der Losung „Eigentlich sollten wir erwachsen werden“ werben. Ich könnte spontan mindestens fünf Leute Ende dreißig aufzählen, die sich begeistert eine Zeitschrift mit dem Slogan kaufen würden: „Eigentlich hätten wir schon vor zehn Jahren erwachsen werden sollen.“

Jetzt bin ich mit Männern zusammen, die so alt sind wie mein Vater, als ich fünfzehn war. Die überlegen, den Beruf oder die Stadt zu wechseln. Oder die gar keinen Beruf haben und erwägen, ein paar Jahre im Ausland zu jobben oder ein Zweitstudium zu machen oder vielleicht lieber doch mal „was ganz anderes“.

Ich habe so die Nase voll von Typen, die einen Job haben statt einen Beruf, die „Projekte in der Pipeline“ haben oder „projektbezogen auf Honorarbasis“ arbeiten. Ganz zu schweigen von den Idioten, die schon ihr halbes Leben hinter sich haben, aber immer noch zögern, sich auf eine „feste Beziehung“ einzulassen.

Alle sind unheimlich flexibel und mobil, aber niemand will sich festlegen. Zumindest noch nicht. Später vielleicht. Aber irgendwie ist später meistens zu spät. In unserem unerwachsenen Dasein dauert nichts mehr richtig lange. Wer so irre mobil ist, der ist meistens schon wieder unterwegs, bevor es ernst werden könnte. Es gibt ihn nicht mehr: den Beruf fürs Leben, den Mann fürs Leben, den Freund fürs Leben. Nicht einmal mehr Jeans kann man länger als eine Saison tragen.

Männliche Endvierziger hängen mittags mit bemüht asymmetrischen Frisuren in Cafés rum und überlegen, wie sie das Erwachsenwerden verschieben können - auf einen Zeitpunkt, wo unsereins schon in die Wechseljahre kommt und jeder Eisprung ein Grund zum Anstoßen ist.

Wir sind verdammt dazu, neugierig und jung zu bleiben, immer aufgeschlossen für Neues, für Veränderungen, für Entwicklungen. Ist ja auch gut und richtig und bewahrt einen vorm Gelangweiltsein und vorm Langweiligwerden. Aber sei mal gleichzeitig offen für alles Neue und trotzdem zufrieden mit dem, was du hast. Nicht so leicht.