Montag, 15. September 2008

Shockheaded Peter!

Am Freitag sah ich ihn, den „Shockheaded Peter“. Die schockierende Junk Opera - eine Gemeinschaftsproduktion des neuen theaters und des Puppentheaters Halle, ein „makabrer Spaß oder gedankenschwerer Exkurs in die Tiefen der menschlichen Seele“ - zeigt, „was passiert, wenn sich das Ego-Monster Mensch nach Nachwuchs, nach Vervielfältigung sehnt“.
„Shockheaded Peter“ ist der englische Titel des deutschen Kinderbuchs „Struwwelpeter“. Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben vom Jugendpsychiater Dr. Heinrich Hofmann, ist dieses Buch jedem bekannt und war auch noch zu meiner Kinderzeit (in den siebziger Jahren) beinahe in jedem Kinderzimmer und jeder Kindertagesstätte vorhanden. Auch heute noch kann man das Buch, neu aufgelegt mit den Originalzeichnungen des Autors, bei Amazon erwerben. Und auch heute scheint nicht jeder das Buch grausam und alles andere als moralisch wertvoll zu finden, liest man die Rezensionen zum Buch.
Aber was neues theater und Puppentheater aus den Geschichten machten, entlarvt überdeutlich den Abgrund der Menschlichkeit, und zwar so schwarzhumorig böse, dass mir oft das Lachen im Hals stecken blieb.
Da sind moderne Eltern, die sich endlich mal wieder einen Abend ohne Kind gönnen möchten. Eine Babysitterin (Lisa) wird engagiert. Und diese engagiert sich so gut, dass das Kind (grandios die Idee, einem erwachsenen Schauspieler einen überdimensionierten Puppenkopf aufzusetzen und so kindliche Proportionen zu schaffen!) nach anfänglicher Ablehnung Vertrauen zu ihr fasst und sie in die eigenen Alpträume einlädt. Das Kind präsentiert die Geschichten des Buchs als Stück im Stück, gespielt und gesungen auf fünf „Etagen“...
In einer Biedermeierkulisse lebt ein biederes Ehepaar, das sich ein Kind wünscht. Aber als das ihnen geschenkte Kind sich als hässlich, garstig, widerborstig - als Struwwelpeter eben - herausstellt, wird das Kind in den Keller geworfen und vergessen. Der Suppenkasper muss eben verhungern, wenn er den täglichen Einheitsbrei verschmäht, während die Eltern ihn mit stoischer Gier in sich hineinlöffeln und nebenbei außereheliche Beziehungen pflegen. Paulinchen (eine mit der Schauspielerin identische Pappfigur) brennt wirklich lichterloh im im Puppenstubenformat nachgebauten Bühnenbild bis auf das sorgfältig gestaltete Drahtskelett herunter. Hans guckt so lange in die Luft, bis er vom Dach des neuen theaters, wo er auf dem Geländer der Dachterrasse balancierte, ins Publikum stürzt (zu meinem Schreck kaum fünf Meter von mir entfernt). Und der Wüterich Friederich (eine exzellent von zwei Puppenspielern geführte Puppe in Babygröße mit verzerrten wütenden Gesichtszügen) wird nach seinen beängstigend realen Attacken auf die Eltern nicht vom Hund gebissen, sondern von der Babysitterin Lisa zur Raison und damit umgebracht. Erschütternd mit anzusehen, wie die Puppe immer wieder von den Puppenspielern aufgerichtet wird, wie sie zusammenbricht und dabei ihr Kopf an ihrem langen Stoffhals über den Bühnenrand hängt, wie echt die vorwurfsvoll anklagenden Blicke und Lisas entsetztes Weinen wirken.
Als am Ende die Eltern wieder nach Hause kommen und Lisa endlich aus der Wohnung fliehen darf - ist noch gar nichts zu Ende. Das Kind wird ins Bett gesteckt, die Eltern möchten sich noch mehr Zweisamkeit gönnen. Und als das Kind alpträumt (von mordlustigen Hasen!), erwacht und Geräuschen nachgeht, ertappt es seine Eltern beim Sex (herrlich subtil angedeutet durch das Raus und Rein einer Schreibtischschublade) und steckt sich die Daumen in den Mund, halb verstört (shock-headed!!) und halb voll kindlich-unbewusster Wolllust. Strafe muss sein, die Eltern kommen mit der riesengroßen Schere und schnippeln ihm die Daumen ab. Doch Lisa erscheint als gute Fee, sie trommelt die bösen Buben, die unartigen Kids des Buchs zusammen und dreht mit ihnen den Spieß um! In rebellischer Eintracht fesseln sie die Eltern an ihre Stühle, wo sie gekippelt werden, damit sie vor Angst wie Philipp zappeln; ihnen wird Suppe eingetrichtert und ihr Haar wird zerzaust und abgeschnitten!
Zweifache Versöhnung: die Eltern bekommen lange Fingernägel und struwwelige Haare und sitzen friedlich mit ihrem missratenen Kind am Tisch. Und aus dem Keller steigt der inzwischen riesige Struwwelpeter mit haarigem Riesenpappkopf, der sich als Lisa entpuppt, die den Kopf feierlich dem Kind überreicht, ein Akt des Verstehens, des Solidarisierens zwischen Kind und noch nicht ganz erwachsenem Babysitter.
Was haben wir gelernt? Dass sowohl Kinder als auch Erwachsene aus egoistischer Berechnung richtig grausam sein können? Dass grausige und sinnlose Bestrafungen und Belehrungen auch heute noch angewandt werden? Und man sich selbst wiedererkennt in der Ungeduld und Unbeherrschung der Protagonisten? Ich empfehle jedem, sich dieses Stück anzuschauen und sich sein Urteil selbst zu bilden. Als Moral von der Geschicht´...

MZ vom 2.6.2008

Weiterführende Infos zum Stück gibt es hier!