Donnerstag, 27. März 2008

Blumenmann, wo bist du?

Gestern sah ich aus der Straßenbahn heraus ein Grafitto: „Blumenmann, wo bist du?“ stand in schön geschwungener roter Schreibschrift an einer Hauswand geschrieben. Umrahmt war der Satz von langstieligen roten Blumen. Und ich erinnerte mich an den Blumenmann.
Bis vor etwa zwei Jahren saß er im Frühling und im Sommer fast täglich vor diesem Haus oder vor dem Haus gegenüber, gleich an der Straßenbahnhaltestelle. Neben ihm auf dem Fußweg standen kleine Blumensträuße in einem Plastikeimer. Einen Strauß hielt er immer in den Händen. Die Sträuße hatte er offenbar selbst gebunden: aus Gartenblumen, aus Stiefmütterchen, manchmal mit Obstbaumzweigen dazwischen. Bunt waren seine Sträuße alle, und sehr liebevoll zurechtgemacht. Nie habe ich gesehen, wie der Mann einen Strauß verkaufte. Aber das muss er wohl. Denn wenn ich später am Tag noch einmal an ihm vorbeikam, war der Eimer meist deutlich leerer.
Der Blumenmann war schon alt, zumindest sah er alt aus, grau, gebeugt, verlebt. Meist trug er einen schmutzigen Jogginganzug, und immer umgab ihn ein strenger Geruch nach Schweiß und Urin. Und ein schlimmes Gerücht…
Erinnert sich noch jemand an den Kreuzworträtselmord, der im „Polizeiruf 110“ gezeigt wurde? Leider bezog sich diese Episode auf eine wahre Geschichte:
1981 verschwand in Halle-Neustadt eine siebenjähriger Junge. Seine Leiche wurde an der Bahnstrecke Halle–Leipzig in einem Reisekoffer gefunden, der mit alten Zeitungen ausgestopft war. Auf einigen der Zeitungen befanden sich ausgefüllte Kreuzworträtsel. Die Obduktion ergab damals, dass der Junge vor seinem Tod sexuell missbraucht wurde. Der Koffer mit seiner Leiche war wahrscheinlich aus einem fahrenden Zug geworfen worden.
Die Aufklärung des Mords wurde damals mit einem beispiellosen Aufwand betrieben. Da außer den ausgefüllten Kreuzworträtseln keinerlei Spuren vorhanden waren, kam es zu einer in der Kriminalgeschichte der DDR einzigartigen Aktion. Unter diversen Vorwänden wurden von jedem Bewohner Halle-Neustadts Schriftproben eingeholt, um das Wohngebiet des Täters besser eingrenzen zu können. Außerdem ließ man durch Junge Pioniere Altpapiersammlungen durchführen. Insgesamt wurden 551.198 Schriftproben ausgewertet. Diese immense Arbeit führte schließlich nach zehn Monaten zu einer Frau, die die Kreuzworträtsel ausgefüllt hatte und der auch der Koffer gehörte. Der Mörder war der Freund ihrer Tochter, zur Tatzeit erst 18 Jahre alt. Er erhielt in der DDR eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, wurde jedoch 1991 nach bundesdeutschem Strafrecht zu nur noch zehn Jahren Jugendhaft mit anschließender Einweisung in die Psychiatrie verurteilt. 1999 wurde er entlassen.
Man erzählte mir, dass der Blumenmann der Vater des damals ermordeten Jungen sei. Aus Trauer um seinen toten Sohn wäre er wahnsinnig geworden. Angeblich war seine Identität allgemein bekannt, die Leute respektierten seine Geschichte, indem sie seine Blumen kauften.
Wo bist du jetzt, Blumenmann? Und hast du Frieden gefunden, dort, wo du nun bist?