Dienstag, 23. Oktober 2007

K.

Eben brachte es der Buschfunk: K. ist tot. Eilfertige Kollegen hasten durch die Gänge und berichten allen: Er hat sich erhängt. Gestern am Nachmittag, nach fünf Wochen Krankschreibung.Dass er hier gelitten hat, wusste eigentlich jeder. Im alten Kreis war er Systembetreuer, im neuen Kreis war er das nur noch auf dem Papier. Die Kollegin, die das „schon immer gemacht hat“, ignorierte Kooperationswillen und Engagement und ließ ihn nur mitlaufen, glaubt man Beobachtern. Er hatte sich darüber beschwert, sagen sie, langsam und leise, wie es seine Art war. Denn ein Mann großer Gesten, wie sie in Verwaltungen üblich sind, war er nicht.
K. war ruhig, schüchtern eigentlich, irgendwie steif. Und er lächelte nur selten. Aber wenn, dann zog sich sein Lächeln in hundert kleinen Fältchen bis hoch in die Stirn, und ich musste zurückgrinsen. Wir besuchten einige Monate lang zusammen einen Verwaltungslehrgang. Damals mochte ich ihn nicht besonders. Er war meist schweigsam und unbeholfen, wenn er redete. Seine bedächtige Wortwahl und seine schleppende Aussprache kennzeichneten ihn als „einen vom Dorf“. Und ich bildete mir ein, nichts zu wissen, worüber ich mit ihm reden könnte. Er selbst schien zu ahnen, wie er auf andere wirkte, aber mit einer fast sichtbaren Tapferkeit, die man nur erkennen konnte, wenn man darauf achtete, wie persönlich er jemanden ansprach, suchte er Kontakt.
„Na, Bellis?“, sagte er immer, wenn er mich im Fahrstuhl traf, und dabei neigte er seinen Kopf mit der Popeline-Schirmmütze zu mir runter, „bald wieder Wochenende, Jottseidank, woa? Is alles beschissen hier. Un? Haste was vor?“ Und ich erzählte ihm, dass ich ins Ballett gehen wollte, zu „Amadeus“, das zweite Mal. „Hört sich jut an“, meinte er, „sollte man viel öfters machen. Is ja jar nich so weit bis in die Stadt rein. Un? War jut, hm? Na mal guggen, vielleicht jehe ich ja ooch mal hin.“ Dann erzählte er noch, dass er Karten gekauft hatte für ein großes Event demnächst. Ich habe vergessen, was es war, etwas Pompöses wie „Lord of the Dance“ ist mir vage in Erinnerung. Er schien sich darauf zu freuen, vielleicht nur, weil seine Frau sich dafür begeisterte oder weil es eine Abwechslung zu seinem verhassten Alltag war.
Meine Chefin schwebt durch alle Räume, mit todernster Miene, und verkündet ihren Schock. Ich glaube ihr, denn sie hat K. lange gekannt. Sie fasst zusammen, was die Kollegen laut und in vielen Worten überlegen lässt, wieso K. das getan hat und ob seine Kindheit im Heim daran schuld war und dass er ja wahrscheinlich immer Depressionen gehabt hatte und deshalb in Behandlung war, dass man das jetzt aber kaum glauben könne und dass es so weit nicht hätte kommen dürfen… „Hätten wir was dagegen tun können?“