Dienstag, 23. Oktober 2007

Die Büromaus.

Sie war heute noch nicht da. Und ich mache mir Sorgen deshalb. Sie ist doch noch so klein!
Gestern besuchte sie uns das erste Mal. „Eine Maus, eine Maus!“, riefen wir alle ganz aufgeregt beim Frühstück. Obwohl wir wussten, dass in den letzten Wochen schon in mehreren Büros Mäuse gesehen worden waren, waren wir überrascht, dass die Maus sich so furchtlos bei heller Beleuchtung zeigte.
Zuerst wuselte sie im Vorzimmer am Schrank entlang, dann huschte sie in den Spalt zwischen Schrank und Wand. Dort saß sie, ganz still, und ließ sich in Ruhe betrachten. Na ja, viel konnten wir nicht sehen von ihr, ein Knäuelchen dunkles Fell mit einem Schwänzchen, lang und dünn wie ein Schnürsenkel.
Ein paar Minuten später, wir saßen noch am Tisch, sahen wir das Mäuschen durch´s Vorzimmer in Richtung Fenster flitzen. Kurze Zeit später tauchte es im Frühstücksraum auf, gleich neben der Tür. Offenbar gibt es genug Löcher hinter den Scheuerleisten des alten Gemäuers, in dem wir arbeiten, denn durch die Tür war sie nicht gehuscht. Jetzt trippelte die Maus – nein, sie hoppelte! – hinter den Kartenschrank und machte sich´s dort gemütlich. Eine Weile sahen wir nichts von ihr. Bis es ihr offenbar selbst zu langweilig wurde hinter dem Blechschrank und sie gemütlich durch die offene Tür wieder in den Vorraum lief. Dort setzte sie sich unter den Garderobenständer und ließ sich besichtigen, ehe sie wieder hinter den Schrank huschte. Dann war eine lange Zeit nichts von ihr zu sehen, bestimmt eine halbe Stunde. Die Kollegin, die vom Flur hereinkam und der wir aufgeregt von der Besucherin erzählten, rief jedoch plötzlich: „Na, da ist sie doch! In deinem Büro!“ Tatsächlich saß die Maus in meinem Büro neben dem Kühlschrank und sah uns irgendwie erwartungsvoll an. Als ich auf sie zuging, flitzte sie hinter den Schrank, hinter dem ich das Loch zum Nachbarzimmer vermutete.
Ich brach ein Stückchen Brot vom Rest meines Frühstücks ab und legte es auf den Boden, dicht an der Wand. Nach einigen Minuten lag das Brot jedoch immer noch da, und ich vermutete bedauernd, dass die Maus zurück in andere Büros gewandert war.
Trotzdem beobachtete ich, an meinem Schreibtisch sitzend, die Stelle mit dem Brotkrumen. So kam es, dass ich nur aus den Augenwinkeln ein Huschen wahrnahm, dicht neben meinem Stuhl. Es war tatsächlich die Maus! Sie war durch den großen freien Raum bis unter meinen Schreibtisch gelaufen und wuselte jetzt ein bisschen planlos um meine Füße herum. Ich wagte kaum zu atmen. „Guck mal!“, rief ich meiner Kollegin leise zu und nickte nach unten. Meine Kollegin beugte sich unter den Tisch und quiekte entzückt, denn die Maus reckte sich gerade am Stuhlbein nach oben und schaute mich mit ihren schwarzen Marienkäferpunktaugen an. Ganz klein war sie, viel kleiner als andere Mäuse, fast kugelrund und glänzend dunkelgrau. „Ich glaube, die hat Hunger oder Durst“, sagte ich zu meiner Kollegin. Die Maus war inzwischen weitergetippelt und saß jetzt einige Meter von mir entfernt an der Wand. Vorsichtig stand ich auf (die Maus huschte hinter einen Schrank), holte einen flachen Deckel aus dem Schrank und goss Mineralwasser hinein.
Die Maus war unterdessen wieder hervorgekommen und tänzelte, immer an der Wand lang, bis unter die Heizung. Dort setzte sie sich auf die Scheuerleiste und rührte sich nicht, obwohl wir ganz dicht an sie herangingen. Sie zuckte ein bisschen, als wäre sie außer Atem. „Die hat wirklich Durst“, glaubte ich und stellte den Deckel auf den Boden. Das Brotstückchen legte ich daneben. Die Maus guckte uns nur an, dann begann sie, sich zu putzen. Das war wirklich putzig! Ich holte mein Handy und schoss ein Foto. Natürlich war die Auflösung zu schlecht und natürlich hab ich keine Ahnung, wie ich das Bild vom Handy runterkriegen soll – aber man kann erkennen, dass es eine Maus ist, was da hockt. Müsst ihr einfach glauben.
Gerade als ich mein Foto herumzeigte, war die Maus zum Wasserdeckel getrippelt und hatte getrunken. Wahrscheinlich war sie wirklich durstig gewesen. Dann schnappte sie sich den Brotkrumen und flitzte wieder hinter einen Schrank. Dort saß sie und knabberte konzentriert. Mittlerweile standen fünf-sechs Kollegen bei uns im Zimmer, die Chefin verkündete huldvoll, dass wir die Maus behalten könnten, solange sie nicht stank, und wir begannen, einen Namen für sie auszusuchen. Eine Kollegin hatte einen Schokoladenkeks geholt und legte ihn neben den Deckel. Die Maus kam sehr zögernd hervor (wahrscheinlich waren es ihr nun doch zu viele Menschen) und nagte an der Schokolade, ganz gezielt. Dann sauste sie in eine andere Zimmerecke und war verschwunden. Den restlichen Tag lang.
Der Keks war es heute Morgen auch, und zwar restlos. Nicht ein Krümelchen lag mehr auf dem Boden. Ich hatte von zu Hause ein paar Haferflocken und Möhrenstückchen mitgebracht (die Kleine soll ja auch was Gesundes essen). Aber mittlerweile ist die Möhre verschrumpelt und auf den Haferflocken lagern erste Staubflusen. Die Maus kommt nicht. Und ich mache mir Sorgen deswegen. Nicht jede der Kolleginnen steht auf Nager, das Wort „Mausefalle“ fiel schon öfter. Ob ihr etwas zugestoßen ist? Sie ist doch noch so klein!