Dienstag, 5. Juni 2007

Der Bittergreis.

Heute war ein alter Mann bei mir im Büro, der das letzte mal vor ca. 5 Jahren hier aufgetaucht ist. ´Der lebt ja immer noch!`, durchfuhr es mich, und ich fühlte, wie meine Kiefermuskeln verblüfft erschlafften.
Noch nie hat irgendjemand hier in der Verwaltung begriffen, was diesen Mann so rastlos macht. Alle paar Wochen oder Monate oder eben Jahre schleicht er sich an der Rezeption vorbei, klopft ziemlich wahllos an Bürotüren, und wenn ihm jemand aufmacht und fragt, wie ihm zu helfen sei, redet er sich ein paar Stunden lang seinen Frust von der Seele.
Er ärgert sich einfach über alles! Er bringt oft, mit winziger krakeliger Altmännerhandschrift auf kariertem Papier geschriebene, fünfzigseitige Konzepte mit: über Einsparmöglichkeiten beim Autobahnbau, über Ökopools, über vergiftete Tagebaurestseen... Dabei kommt er jedoch nicht auf den Punkt seines Anliegens – man erfährt einfach nie, was er eigentlich erreichen will und wie man ihm dabei helfen könnte. Denn immer, wenn er an einer Stelle ist, an der er eigentlich mal eine prima Lösung präsentieren könnte, schweift er in seine Vergangenheit ab, die er offenbar nicht verkraftet hat.
Dann klagt er, und sein Gesicht glänzt schweißnass vor Opferbereitschaft, dass er zu DDR-Zeiten nicht promovieren durfte, weil er eigentlich katholischer Mönch werden wollte. Er hat früher nämlich im Bergbau gearbeitet, war dort für Rekultivierungsplanung zuständig. Als er damals ein Computerprogramm für Ersatzflächenverwaltung vorstellen wollte, hat man ihn nicht ernst genommen, weil er selbst keinen PC bedienen konnte. Dabei ist sein Sohn Programmierer, und in seinem Haushalt herrscht eben Arbeitsteilung. Er war ja auch lange arbeitslos, und damit ihm da nicht die Decke auf den Kopf fiel, hat er eben aus Spaß Autobahntrassen und Straßen geplant. Denn er kennt sich aus. Früher hat er in der Stadtplanungskommission mitgearbeitet. Und durch seine Parteizugehörigkeit weiß er immer noch über alles Bescheid. Erst letzte Woche hat er mit dem Regierungspräsidenten gesprochen, und heute mit der Dezernentin. Und dem Staatssekretär hat er sein Konzept auch geschickt. Denn den Untertanen von Edmund Stoiber könne man es doch wirklich mal zeigen! Die haben doch dort unten glatt eine S-Bahn-Strecke geplant und viel zu viel Geld für Tunnel ausgeben müssen. Denn da wären doch im Karstgestein plötzlich Höhlen aufgetaucht! Ha! Er war dort ganz in der Nähe im Internat, und jeder Grundschüler wusste damals, dass Karst von Hohlräumen durchzogen ist. Aber von der Bergbau-Verwaltungsgesellschaft hat er nie ein Antwortschreiben bekommen. Nur eine freche Antwort auf einem Symposium, als er nach dem Sanierungskonzept für den neuen See gefragt hat. Aber da hat er zurückgebrüllt, denn mit 73 muss er nicht mehr höflich sein. Jetzt will er zwar nicht mehr promovieren, aber auf den Besuch von Hedwig Klapperbein will er sich auch noch nicht vorbereiten. Nur seine Frau, die will, dass er sich um den Garten kümmert, statt herum zu spinnen. Deshalb richtet sie ihm nicht aus, wenn der Bürgermeister oder der Landrat angerufen haben. Es ist also besser, ihm ein Kärtchen zu schicken, das käme dann schon an. Er kennt die Herren im Ministerium und in der Landesverwaltung, jaja! Und neben seinem Garten wohnt gleich der Herr X vom Umweltamt, und in dessen Bibliothek sitzt er, wenn es regnet...
Erst das Versprechen meiner Chefin, sein Konzept auf jeden Fall als nützliche Anregung bei unserer weiteren Arbeit zu verwenden, komplimentierte ihn aus dem Zimmer. Ich fürchte mich wirklich davor, auch mal so zu enden: Verbittert und mit dem Gefühl, überall nur in den Wind zu reden. Ungebraucht und unbrauchbar.