Montag, 12. März 2007

Wir sind schön.

Die Tageszeitung berichtete heute folgendes: „In der Schweiz ist am Samstag in Genf zum ersten Mal der Titel «Miss Altersheim» vergeben worden...“ Ja!!! Das habe ich vermisst im allgemeinen Medien-Hype um Germanys Next Topmodel, den deutschen Superstars und „Top dog - Deutschland sucht den Superhund“! Eine Rentner-Miss-Wahl! Wir sind schön - schön alt! Sowas ähnliches hatte RTL2 ja schon versucht, als es die Sendung „Hüllenlos – auch nackt gut aussehen“ ins Programm nahm: Dem durchschnittlich missratenen Menschen zu enthüllen, dass auch er schön sein kann! (Die Sendereihe wurde übrigens schnell wieder verhüllt. Offenbar missfiel das Konzept dem RTL-Zuschauer – kein Wunder, wer will schon Zellulite betrachten, wenn er glattweg Topmodels besabbern kann?)
Nun hat die Welt also eine Miss Altersheim. Ich finde ja, dass die Kürung Missgunst hervorrufen kann, haben doch nicht alle zur Miss geborenen Damen diesen Heimvorteil. Da besteht ein echtes Missverhältnis, bei dem rüstige Heimverweigerinnen benachteiligt werden.
Meiner Meinung nach hätte der Titel Miss Marple auch viel besser gepasst: alt und schrullig, aber wenigstens nicht senil. Dazu hätten aber die Auswahlkriterien andere sein müssen (zum Beispiel das Ausmaß der Misslaune und des Karomusters des eigenen Regenschirms). Hier mussten die Kandidatinnen lediglich über 70 Jahre alt sein und alleine gehen können. Wozu denn das?! Mensch, da hätte sich doch bestimmt ein Sponsor für Rollatoren gefunden. Aber nein, die Kandidatinnen mussten selbstständig vor der Jury defilieren. Ich hoffe doch mal, nicht im Badeanzug! In dem Alter muss man an seine Nieren denken, warnte ja auch Thomas Gottschalk dereinst...
Außerdem misshelligte man die Bewerberinnen mit Fragen über ihr Hobby, die familiäre Situation, den verrücktesten noch nicht realisierten Traum und die liebste Blume. Wie, bitte, bemisst man die Eignung der Kandidatinnen zur Miss Altersheim an ihrem Hobby? Wurden sie auch zur politischen Missstimmung befragt (ich bin für den Weltfrieden!)? Und wollte die Jury sichergehen, dass die alten Damen, die den Sprung auf das Miss-Treppchen nicht schafften, von ihren Familien aufgefangen werden (ob nun mental oder physisch)? Hoffte die Jury, den verrücktesten Traum für eine Reality Soap missbrauchen zu können? Und bekamen die missbilligten Omis wenigstens ihre Lieblingsblumen?
Die Siegerin heißt jedenfalls Léontine Vallade. Sie trat gegen neun Kandidatinnen aus fünf anderen Altersheimen an und überzeugte in diesem Heimspiel durch ihr Lächeln und ihren Charme. Ihr Preis war ein Essen in einem Luxusrestaurant. Ha! Da hätte die Jury besser nicht missachten sollen, dass die gute Léontine gar nicht mehr ihre eigenen Zähne hat... Oder bekam sie einen Mixer dazu?
Misstrauisch frage ich mich nun, wie ich bei diesem Schönheitswahn in Würde altern soll. Oder missverstehe ich hier was? So ein Mis(s)t!