Dienstag, 20. März 2007

Der Plattenvertrag.

Meine Nichte zieht in meine Stadt. Mitten ins Zentrum, genau ins Kneipenviertel, schräg über eine meiner Lieblingskneipen. Tolle Lage, sogar ruhig, und alles zu erlaufen, was ihr die zum Teil enormen Fahrtkosten der städtischen Verkehrsbetriebe erspart. Die Wohnung ist (gemessen am Mietspiegel meiner Stadt) wirklich billig mit 4 Euro pro m². Einziger Nachteil bei diesem Preis: Man muss selbst renovieren. Und wenn man bei einem unsanierten Plattenbau von Renovierung spricht, passt das Wort nicht. „Sanierung“ wäre tatsächlich passender. Aber da in der Wohnung so viel instand zu setzen ist, sieht Nichtes Platten-Miet-Vertrag vor, sie zwei Monate mietfrei (bei Nur-Zahlung der Nebenkosten) wohnen zu lassen. Ist ja erst mal was. Das Geld braucht sie auch wirklich für die Renovierung.
Am 31.3. muss Nichte aus ihrer alten Wohnung in der Harzkleinstadt raus. Spätestens ab diesem Tag soll also ihre neue Wohnung bewohnbar sein. Hektik tut not.
Zustand der Platten-Wohnung bei Schlüsselübergabe: Das Schlafzimmer war größtenteils von Tapete befreit, so dass der nackte, dunkelgraue Beton gut sichtbar war. In Küche, Bad und Wohnzimmer waren die Tapeten des Vormieters (Herbert S., Rentner, NICHT in der Wohnung gestorben) noch dran und sahen entsprechend abgenutzt aus. Im Bad befanden sich eine uralte Wanne (noch die Originalwanne seit Bau des Hauses, wie wir erfuhren), ein marodes Waschbecken und ein versüfftes Klo. In der Küche standen alte Schränke (auch noch von der originalen DDR-Küchenzeile!) und ein ziemlich gut erhaltener Elektroherd, den Nichte erst mal behalten will. Die Original-Fußböden waren auch noch drin: Braun-grün-graues Linoleum, von dem Frau T. von der Wohnungsgesellschaft meinte, das wäre „doch noch ganz gut“. Wir werden es als Estrich für den neuen Fußbodenbelag nutzen.
Das Wohnzimmer ist kultig: Da das Haus „um die Ecke geht“, also zusammen mit dem anschließenden Wohnblock eine Kurve beschreibt, ist das Zimmer trapezförmig – am Fenster ist es ca. 3 m breit und am anderen Ende nur 1,20 m. Das schmale Ende bildet eine eingezogene Pappwand, die das ganze schmale Ende (Verjüngung bis auf 30 cm!) abtrennt, so dass Nichte nun auch noch eine winzige Abstellkammer kriegt, die wir spaßenshalber das „Gästezimmer“ oder (in memoriam) „Herberts Ruh“ nennen.
Am Wohnzimmer hängt ein Balkon, und zwar ein 1,50 m tiefer! Der ist breiter als der Plattenstandardbalkon! Und er geht nach Süden. Man hat vormittags, tagsüber und nachmittags Sonne, wie wir schon testen konnten, denn Nichte hatte bereits ihren Liegestuhl mitgebracht. Der Blick vom Balkon ist eigentlich romantisch: Direkt gegenüber steht ein altes Uni-Gebäude, mit unsaniert grauer Fassade zwar, aber dafür abends ausgestorben. Um das Gebäude zieht sich ein Streifchen Garten, in dem sich Bäume für trällernde Amseln befinden, ein abends beleuchtetes Gewächshaus (heimlicher Hanfanbau???), ein Teich und einige Blumenbeete. Links und rechts erblickt man Teile der Altstadt mit Fachwerkhäusern und der Moritzburg. Und unterhalb liegt der Biergarten der Apotheke. Sehr praktisch.
Besonders muffig roch die Wohnung nicht, nicht mal in der Abstellkammer. Nur im Bad schlug uns (besonders abends) eine Duftmischung aus Kohl und Kloake, mit einem leichten Hauch nach Hund (im Bereich der rostigen Heizung), entgegen. Aber der gleiche Geruch wabert jeden Abend durch das Treppenhaus, muss aus dem Keller kommen. Herbert?!
Herbert S. muss sehr lange allein in der Wohnung gelebt haben und konnte sicher nicht mehr viel alleine machen. Überall fanden wir Spuren seiner laienhaften Handwerkskünste: riesige Teppichnägel, die die Fliegengitter an den Fenstern halten sollten, eine abgebrochene Nagelfeile, eine mit Holzleisten und Klebestreifen befestigte Duschwand, irgendwelche Bindfäden um Heizungsrohre und Dübel, Dübel, Dübel... Auch der Balkon ist abenteuerlich: Das Geländer ist komplett zerrostet, die in die Brüstung eingesetzten Glasscheiben zersprungen. Herbert hatte den Balkon mit Paneelen oder Styroporplatten verkleidet, deren Kleberreste jetzt fest an den Betonwänden pappen. Wir überlegen noch, ob wir schleifen oder gleich drüberstreichen.
Jedenfalls brauchten wir erst mal drei Tage, um die Renovierung vorzubereiten. Ich hatte extra zwei Tage Urlaub vor dem Wochenende genommen, um zu helfen. Als erstes weichten wir die restlichen Tapeten ab. Diese Arbeit glich einer archäologischen Exkursion. Drei Lagen beige-brauner DDR-Tapete (mit Blümchen, mit Erdbeeren und Äpfeln und mit winzigen Karos) legten wir unter der Westtapete frei. Und DDR-Tapeten kleben aus irgendwelchen Gründen hartnäckiger als westdeutsche. Wir fluteten beinahe die Wohnung und kratzten um unser Leben. Als es endlich geschafft war und die ganze Wohnung geheimnisvoll dunkelgrau glänzte und sinterte wie eine Tropfsteinhöhle, konnten wir richtig anfangen.
Als erstes wurden die Decken tapeziert. Schon als erst mal nur die pure Raufasertapete dran war, erlebten wir einen Aha-Effekt: die Wohnung wirkte heller. Während Nichte die Decken weiß kullerte, strich ich alles, was gestrichen werden kann: Deckenkanten, Heizkörper (diese 4 bis 5 mal, damit das Weiß den Rost und das alte Armeegraugrün, auch Original, ordentlich abdeckt), Fenster (vergilbte Plastefenster – egal! drüber mit dem Lack!), Scheuerleisten und Türrahmen. Für letztere hatte sich Nichte ein Perlweiß ausgesucht. Der Deckel auf der Farbdose zeigte exakt den gleichen Farbton wie die abgegriffenen Türrahmen: Herbert-Gelb. Aber als ich pinselte, sah ich, dass das Perlweiß eher ein zartes Grau ist, welches später die Farben der pastelligen Tapeten angenehm reflektierte. Für ihr Schlafzimmer hat Nichte grüne Tapeten mit einer zarten Stoff-Struktur gekauft. Der Raum wurde als erster tapeziert. Als er fertig war, waren wir alle stolz wie Oskar nach Zeugung seines zweiten Sohnes: Wäre der hässliche Fußboden nicht gewesen, hätte bereits eingeräumt werden können, so wohnlich sah das Zimmer aus. Motiviert begannen wir mit dem Wohnzimmer; hier sind die Tapeten die gleichen in Rosalila, sie wirken sahnig wie Heidelbeerjoghurt. In Küche und Flur wird es diese Tapeten noch in Gelb und Sand geben. Nur das Bad kriegt eine andere, feuchtraumgeeignete, in Himmelblau, mit der dann auch provisorisch der Schaumstoffsockel der neuen Wanne (die die Wohnungsgesellschaft zusammen mit Waschbecken und neuem Klo großzügig stiftete) verkleidet wird. Um das Ganze wasserdicht zu machen, wird auf die Tapete eine sogenannte Tapetenhaut gestrichen, die dann eine Art Folienschicht bildet. Ich bin echt gespannt, ob das gegen Wassereinbrüche hilft. Leider komme ich erst am Freitag wieder dazu, die Fortschritte in der Wohnung zu begutachten. So oder so: Ich werde überrascht sein.