Freitag, 23. März 2007

Schneefall

Pünktlich zum Frühlingsanfang ist dieses Jahr der Winter ausgebrochen. Und natürlich die Frühjahrsmüdigkeit bei der Kommune. Denn allen Wettervorhersagen zum Trotz glaubte die Stadt Halle an der Saale offenbar nicht daran, dass es „auch im Flachland Schnee“ geben wird. Die Räumfahrzeuge waren wohl schon wieder eingemottet, die ABMler mental auf das Pflanzen von Stiefmütterchern eingestellt und die Streugutkästen weggeräumt. Die Gehwege räumte also niemand. Es hat gestern wirklich den ganzen Tag geschneit, circa hunderttausend Flocken auf den Quadratzentimeter, stundenlang ohne Pause. Aber Weihnachten kommt ja auch jedes Jahr so überraschend – wen überrascht es also wirklich, dass sich die Kommune nicht zuständig fühlte, was das gefahrlose Begehen der öffentlichen Wege angeht? Vielleicht dachten die Stadtväter auch, dass sich der Schnee am gestrigen „Tag des Wassers“ passenderweise von allein verflüssigen würde? Er tat´s nur teilweise – und schwappte auf dem Heimweg erfrischend in meine Schuhe. Bis zu den Waden durfte ich durch schmutzigen Schneematsch waten. Wer bezahlt mir ruinierte Stiefel und verdreckte Hosen? Heute morgen das gleiche Spiel: Lustiges Hüpfen über Schneematschwälle, Dachlawinenslalom, Synchronschliddern über die Kreuzung (wer rutscht schneller – der Lkw oder ich?) und vorsichtiges Eiern über gefrorene Schneefelder, um nicht auch noch einen nassen Hintern zu bekommen. Erst die letzten fünfzig Meter des Wegs zum Büro waren geräumt und sogar gestreut! Entweder gehört dieses Stück zum Heimweg eines fußläufigen Würden- (oder Bürden-?) -trägers der Stadt oder hier hatte tatsächlich schon jemand ausgeschlafen. Morgääähn!

Dienstag, 20. März 2007

Der Plattenvertrag.

Meine Nichte zieht in meine Stadt. Mitten ins Zentrum, genau ins Kneipenviertel, schräg über eine meiner Lieblingskneipen. Tolle Lage, sogar ruhig, und alles zu erlaufen, was ihr die zum Teil enormen Fahrtkosten der städtischen Verkehrsbetriebe erspart. Die Wohnung ist (gemessen am Mietspiegel meiner Stadt) wirklich billig mit 4 Euro pro m². Einziger Nachteil bei diesem Preis: Man muss selbst renovieren. Und wenn man bei einem unsanierten Plattenbau von Renovierung spricht, passt das Wort nicht. „Sanierung“ wäre tatsächlich passender. Aber da in der Wohnung so viel instand zu setzen ist, sieht Nichtes Platten-Miet-Vertrag vor, sie zwei Monate mietfrei (bei Nur-Zahlung der Nebenkosten) wohnen zu lassen. Ist ja erst mal was. Das Geld braucht sie auch wirklich für die Renovierung.
Am 31.3. muss Nichte aus ihrer alten Wohnung in der Harzkleinstadt raus. Spätestens ab diesem Tag soll also ihre neue Wohnung bewohnbar sein. Hektik tut not.
Zustand der Platten-Wohnung bei Schlüsselübergabe: Das Schlafzimmer war größtenteils von Tapete befreit, so dass der nackte, dunkelgraue Beton gut sichtbar war. In Küche, Bad und Wohnzimmer waren die Tapeten des Vormieters (Herbert S., Rentner, NICHT in der Wohnung gestorben) noch dran und sahen entsprechend abgenutzt aus. Im Bad befanden sich eine uralte Wanne (noch die Originalwanne seit Bau des Hauses, wie wir erfuhren), ein marodes Waschbecken und ein versüfftes Klo. In der Küche standen alte Schränke (auch noch von der originalen DDR-Küchenzeile!) und ein ziemlich gut erhaltener Elektroherd, den Nichte erst mal behalten will. Die Original-Fußböden waren auch noch drin: Braun-grün-graues Linoleum, von dem Frau T. von der Wohnungsgesellschaft meinte, das wäre „doch noch ganz gut“. Wir werden es als Estrich für den neuen Fußbodenbelag nutzen.
Das Wohnzimmer ist kultig: Da das Haus „um die Ecke geht“, also zusammen mit dem anschließenden Wohnblock eine Kurve beschreibt, ist das Zimmer trapezförmig – am Fenster ist es ca. 3 m breit und am anderen Ende nur 1,20 m. Das schmale Ende bildet eine eingezogene Pappwand, die das ganze schmale Ende (Verjüngung bis auf 30 cm!) abtrennt, so dass Nichte nun auch noch eine winzige Abstellkammer kriegt, die wir spaßenshalber das „Gästezimmer“ oder (in memoriam) „Herberts Ruh“ nennen.
Am Wohnzimmer hängt ein Balkon, und zwar ein 1,50 m tiefer! Der ist breiter als der Plattenstandardbalkon! Und er geht nach Süden. Man hat vormittags, tagsüber und nachmittags Sonne, wie wir schon testen konnten, denn Nichte hatte bereits ihren Liegestuhl mitgebracht. Der Blick vom Balkon ist eigentlich romantisch: Direkt gegenüber steht ein altes Uni-Gebäude, mit unsaniert grauer Fassade zwar, aber dafür abends ausgestorben. Um das Gebäude zieht sich ein Streifchen Garten, in dem sich Bäume für trällernde Amseln befinden, ein abends beleuchtetes Gewächshaus (heimlicher Hanfanbau???), ein Teich und einige Blumenbeete. Links und rechts erblickt man Teile der Altstadt mit Fachwerkhäusern und der Moritzburg. Und unterhalb liegt der Biergarten der Apotheke. Sehr praktisch.
Besonders muffig roch die Wohnung nicht, nicht mal in der Abstellkammer. Nur im Bad schlug uns (besonders abends) eine Duftmischung aus Kohl und Kloake, mit einem leichten Hauch nach Hund (im Bereich der rostigen Heizung), entgegen. Aber der gleiche Geruch wabert jeden Abend durch das Treppenhaus, muss aus dem Keller kommen. Herbert?!
Herbert S. muss sehr lange allein in der Wohnung gelebt haben und konnte sicher nicht mehr viel alleine machen. Überall fanden wir Spuren seiner laienhaften Handwerkskünste: riesige Teppichnägel, die die Fliegengitter an den Fenstern halten sollten, eine abgebrochene Nagelfeile, eine mit Holzleisten und Klebestreifen befestigte Duschwand, irgendwelche Bindfäden um Heizungsrohre und Dübel, Dübel, Dübel... Auch der Balkon ist abenteuerlich: Das Geländer ist komplett zerrostet, die in die Brüstung eingesetzten Glasscheiben zersprungen. Herbert hatte den Balkon mit Paneelen oder Styroporplatten verkleidet, deren Kleberreste jetzt fest an den Betonwänden pappen. Wir überlegen noch, ob wir schleifen oder gleich drüberstreichen.
Jedenfalls brauchten wir erst mal drei Tage, um die Renovierung vorzubereiten. Ich hatte extra zwei Tage Urlaub vor dem Wochenende genommen, um zu helfen. Als erstes weichten wir die restlichen Tapeten ab. Diese Arbeit glich einer archäologischen Exkursion. Drei Lagen beige-brauner DDR-Tapete (mit Blümchen, mit Erdbeeren und Äpfeln und mit winzigen Karos) legten wir unter der Westtapete frei. Und DDR-Tapeten kleben aus irgendwelchen Gründen hartnäckiger als westdeutsche. Wir fluteten beinahe die Wohnung und kratzten um unser Leben. Als es endlich geschafft war und die ganze Wohnung geheimnisvoll dunkelgrau glänzte und sinterte wie eine Tropfsteinhöhle, konnten wir richtig anfangen.
Als erstes wurden die Decken tapeziert. Schon als erst mal nur die pure Raufasertapete dran war, erlebten wir einen Aha-Effekt: die Wohnung wirkte heller. Während Nichte die Decken weiß kullerte, strich ich alles, was gestrichen werden kann: Deckenkanten, Heizkörper (diese 4 bis 5 mal, damit das Weiß den Rost und das alte Armeegraugrün, auch Original, ordentlich abdeckt), Fenster (vergilbte Plastefenster – egal! drüber mit dem Lack!), Scheuerleisten und Türrahmen. Für letztere hatte sich Nichte ein Perlweiß ausgesucht. Der Deckel auf der Farbdose zeigte exakt den gleichen Farbton wie die abgegriffenen Türrahmen: Herbert-Gelb. Aber als ich pinselte, sah ich, dass das Perlweiß eher ein zartes Grau ist, welches später die Farben der pastelligen Tapeten angenehm reflektierte. Für ihr Schlafzimmer hat Nichte grüne Tapeten mit einer zarten Stoff-Struktur gekauft. Der Raum wurde als erster tapeziert. Als er fertig war, waren wir alle stolz wie Oskar nach Zeugung seines zweiten Sohnes: Wäre der hässliche Fußboden nicht gewesen, hätte bereits eingeräumt werden können, so wohnlich sah das Zimmer aus. Motiviert begannen wir mit dem Wohnzimmer; hier sind die Tapeten die gleichen in Rosalila, sie wirken sahnig wie Heidelbeerjoghurt. In Küche und Flur wird es diese Tapeten noch in Gelb und Sand geben. Nur das Bad kriegt eine andere, feuchtraumgeeignete, in Himmelblau, mit der dann auch provisorisch der Schaumstoffsockel der neuen Wanne (die die Wohnungsgesellschaft zusammen mit Waschbecken und neuem Klo großzügig stiftete) verkleidet wird. Um das Ganze wasserdicht zu machen, wird auf die Tapete eine sogenannte Tapetenhaut gestrichen, die dann eine Art Folienschicht bildet. Ich bin echt gespannt, ob das gegen Wassereinbrüche hilft. Leider komme ich erst am Freitag wieder dazu, die Fortschritte in der Wohnung zu begutachten. So oder so: Ich werde überrascht sein.

Montag, 12. März 2007

Wir sind schön.

Die Tageszeitung berichtete heute folgendes: „In der Schweiz ist am Samstag in Genf zum ersten Mal der Titel «Miss Altersheim» vergeben worden...“ Ja!!! Das habe ich vermisst im allgemeinen Medien-Hype um Germanys Next Topmodel, den deutschen Superstars und „Top dog - Deutschland sucht den Superhund“! Eine Rentner-Miss-Wahl! Wir sind schön - schön alt! Sowas ähnliches hatte RTL2 ja schon versucht, als es die Sendung „Hüllenlos – auch nackt gut aussehen“ ins Programm nahm: Dem durchschnittlich missratenen Menschen zu enthüllen, dass auch er schön sein kann! (Die Sendereihe wurde übrigens schnell wieder verhüllt. Offenbar missfiel das Konzept dem RTL-Zuschauer – kein Wunder, wer will schon Zellulite betrachten, wenn er glattweg Topmodels besabbern kann?)
Nun hat die Welt also eine Miss Altersheim. Ich finde ja, dass die Kürung Missgunst hervorrufen kann, haben doch nicht alle zur Miss geborenen Damen diesen Heimvorteil. Da besteht ein echtes Missverhältnis, bei dem rüstige Heimverweigerinnen benachteiligt werden.
Meiner Meinung nach hätte der Titel Miss Marple auch viel besser gepasst: alt und schrullig, aber wenigstens nicht senil. Dazu hätten aber die Auswahlkriterien andere sein müssen (zum Beispiel das Ausmaß der Misslaune und des Karomusters des eigenen Regenschirms). Hier mussten die Kandidatinnen lediglich über 70 Jahre alt sein und alleine gehen können. Wozu denn das?! Mensch, da hätte sich doch bestimmt ein Sponsor für Rollatoren gefunden. Aber nein, die Kandidatinnen mussten selbstständig vor der Jury defilieren. Ich hoffe doch mal, nicht im Badeanzug! In dem Alter muss man an seine Nieren denken, warnte ja auch Thomas Gottschalk dereinst...
Außerdem misshelligte man die Bewerberinnen mit Fragen über ihr Hobby, die familiäre Situation, den verrücktesten noch nicht realisierten Traum und die liebste Blume. Wie, bitte, bemisst man die Eignung der Kandidatinnen zur Miss Altersheim an ihrem Hobby? Wurden sie auch zur politischen Missstimmung befragt (ich bin für den Weltfrieden!)? Und wollte die Jury sichergehen, dass die alten Damen, die den Sprung auf das Miss-Treppchen nicht schafften, von ihren Familien aufgefangen werden (ob nun mental oder physisch)? Hoffte die Jury, den verrücktesten Traum für eine Reality Soap missbrauchen zu können? Und bekamen die missbilligten Omis wenigstens ihre Lieblingsblumen?
Die Siegerin heißt jedenfalls Léontine Vallade. Sie trat gegen neun Kandidatinnen aus fünf anderen Altersheimen an und überzeugte in diesem Heimspiel durch ihr Lächeln und ihren Charme. Ihr Preis war ein Essen in einem Luxusrestaurant. Ha! Da hätte die Jury besser nicht missachten sollen, dass die gute Léontine gar nicht mehr ihre eigenen Zähne hat... Oder bekam sie einen Mixer dazu?
Misstrauisch frage ich mich nun, wie ich bei diesem Schönheitswahn in Würde altern soll. Oder missverstehe ich hier was? So ein Mis(s)t!

Donnerstag, 1. März 2007

Potenziell Gewinn-Berechtigte!

Sehr geehrter Herr Günther,
gestern erhielt ich Ihren Brief, in dem Sie mir freundlich mitteilten, dass ich zu den potenziell Gewinn-Berechtigten für das 118. NKL-Gewinnspiel gehöre. Hui, wenn das mal nicht besser als jeder akademische Titel ist – potenziell Gewinn-Berechtigte! Tja, ich schätze, als PGB, wie ich mich nun stolz nennen möchte (tun Sie ja auch – und zwar ganze 8 mal auf der ersten Seite Ihres Briefs!), darf ich mich glücklich schätzen (schreiben Sie ja auch!), von immerhin 477 vorgeschlagenen PGB im speziellen Nominierungs­verfahren tatsächlich ein PGB geworden zu sein. Und wissen Sie was? Ich BIN glücklich! Da sieht man´s mal wieder: Geld allein ist eben nicht des Glückes Schmied. Tatsächlich bin ich so glücklich über den mir verliehenen Titel, dass ich mein Glück nicht weiter herausfordern möchte, indem ich an Ihrer Lotterie teilnehme. Nein nein, diese Chance auf Glück (und jetzt sind wir schon beim 6. Gebrauch dieses Worts) möchte ich gern anderen überlassen. Obwohl ich ja sogar das Glück (7!) hatte, im beiliegenden verschlossenen Umschlag die persönlichen Berechtigungsnachweise für ALLE Gewinn-Kategorien zu erhalten. Welch Glücksgriff (8!)!
Dennoch: Das Glück (9!) ist kein Lottogewinn! Deshalb verbleibe ich, arm aber glücklich (10! ha! Sieger!) mit den besten Wünschen für Sie persönlich, Herr Günther,
Ihre Bellis.
PS: Brief tatsächlich abgeschickt am 1.3.2007!