Donnerstag, 8. Februar 2007

Kinder, Kinder...

Neulich fragte mich eine Kollegin, ob ich "guter Hoffnung" wäre, ich sähe so rosig und zufrieden aus. Mein "nein" ließ ihr Lächeln zerfließen; sie war sichtlich enttäuscht.
Oft (sehr oft!) werde ich gefragt, wann ich denn endlich ein Kind bekommen werde oder ob ich keine Kinder kriegen kann. Oder keine Kinder leiden kann. Dann fühle ich mich im Rechtfertigungszwang. Hiermit erkläre ich mich also – der Gesellschaft und mir selbst.
In irgendeinem Buch las ich mal: „Gelegentlich entscheiden Erwachsene, dass sie noch nicht erwachsen sind, und sie tun Dinge ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer.“
Ja, so ist das wohl mit mir. Ich fühle mich nicht erwachsen, und für dieses Gefühl entscheide ich mich bewusst. Ich bevorzuge es, keine Verantwortung gegenüber anderen zu tragen. Und daraus resultiert auch mein Wunsch, kein Kind zu haben. Die Vorstellung, was es bedeutet, ein Kind in sich zu tragen, zu gebären und dann ungefähr 20 Jahre lang aufzuziehen, erschreckte mich schon immer. Ist das egoistisch? Ich denke schon.
Aber anders herum betrachtet: Ist es nicht auch egoistisch, sich ein Kind zu wünschen? Warum wünscht frau sich ein Kind?
Wie sich ein Kinderwunsch anfühlt, der keinen Grund braucht, kann ich mir einfach nicht vorstellen. Aber auch kaum eine Frau kurz vor der Dreißig wird sich deutlich machen: „Ich menstruiere jetzt seit ungefähr 17 Jahren, habe also circa zweihundert potentielle Kinder gemeuchelt und denke, dass ich jetzt einer Eizelle eine Chance auf ihr eigenes Leben geben sollte.“ Schon eher wird sie es für einfach an der Zeit halten, erwachsen zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Und dazu gehört mindestens ein Kind. (Die biologische Uhr tickt ja angeblich! Ich fürchte aber, in Wahrheit rasselt der Zeiger der Gesellschaft lauter!)
Oder kann es sein, dass sie es vermisst, ein verantwortungsloses Kind voller Träume zu sein, das sein Leben noch vor sich hat? Dass sie deshalb einen kleinen Spiegel sucht, in dem sie sich wiederzufinden glaubt? Ein kleines Projekt, in dem sie ihre eigenen Träume verwirklichen kann?
Dass Frauen so etwas als Gründe für ihren Kinderwunsch zugeben würden, wenn ich sie fragte, glaube ich nicht. Nicht mal, dass sie sich dessen bewusst sind. Zumindest in meinem Umfeld habe ich beobachtet, dass es überwiegend Frauen sind, die diese Art von Torschlusspanik bekommen. Mit spätestens 28-29 wurden fast alle meine Freundinnen schwanger. Und ich war plötzlich eine Unnormale. Oder zumindest eine Un(ein)geweihte.
Sah ich mir die Männer dazu an, dann bemühten diese sich zwar redlich, Schwangerschaft und Kindbesitz als wunderbaren und erstrebenswerten familiären Zustand zu betrachten, aber ganz verstohlen schienen sie mir überrumpelt auszusehen. Spontan fallen mir nur drei Beispiele ein, bei denen die in einer konstanten Erstfamilie lebenden Männer verzückt von ihren Kindern schwärmen. Und einer davon kriegt regelmäßig von seiner Frau Auszeiten genehmigt, in denen er mit seinen Kumpels losziehen kann. Im umgekehrten Fall fallen mir mindestens fünf Männer (natürlich samt ehemals dazugehörenden Frauen) ein, deren Ersternsthaftbeziehungen trotz Kindern zerbrochen ist.
Stimmte da nun schon vor dem Nachwuchs etwas nicht zwischen beiden Erwachsenen? Und war dann das Kind, wie so oft behauptet wird, ein Versuch, die Beziehung zu kitten? Ich behaupte das nicht – ich spekuliere nur über den Grund des pränatalen Wunsches.
Meine Ergründungsfrage stöberte auch Menschen auf, die sich ein Kind wünschten, um im Alter nicht allein zu sein. Ist das nicht Egoismus pur? Ein Kind gleich mit der Erwartung in die Welt zu setzen, später für seine Erzeuger zu sorgen? In Dankbarkeit für sein Leben (das ja, biologisch betrachtet, nur Zufall ist) eigene Ziele den übertragenen Träumen der Eltern oder zumindest Kompromissen unterzuordnen? Viele werden jetzt sagen: „Bellis, Du bist egoistisch.“ Und meine Mutter würde hinzufügen: „... und undankbar!“ Mag sein.
Manchmal habe ich schon das Gefühl, ohne eigene Kinder etwas zu verpassen: Die Erfahrung, einen kleinen Menschen aufwachsen und sich entwickeln zu sehen. Ihm etwas Wertvolles von meinen Erfahrungen mitgeben zu können. Der Welt etwas zu überlassen, etwas, was von mir überlebt. Das ist doch aber eigentlich schon wieder so ein egoistischer Trugschluss: Dass mein Kind tatsächlich aus meinen Erfahrungen lernen und danach leben würde. Hey, das Kind wäre ein ganz eigenständiger egoistischer Mensch! So etwas darf man einfach nicht vergessen, sonst wiederholt man die Fehler der eigenen Eltern.
Ich glaube, ich wäre eine akzeptable Mutter. Sicher auch manchmal ungeduldig und genervt, klar. Die Mütter, die behaupten, das nie zu sein, lügen! Ich kann es ihnen ansehen.
Sowieso behaupten das auch nur selbsternannte Übermütter, die sich zusammen solche Sendungen, wie „Hurra, wir bekommen ein Baby (zu Hause in der Badewanne, und lad doch die Nachbarn gleich mit ein, es wird sowieso bisschen lauter)!“ oder „Die Super-Nanny (meine würden so was niemals machen!)“ anschauen. Oder die Vergesslichen, deren Kinder schon fast erwachsen sind, und die sich deshalb ekstatisch schreiend auf jedes Babybild stürzen: “Reinbeißen könnte man, in die kleinen Leberwurstbeinchen!“ Lässt man sie, dann machen die das glatt! Fragen diese Frauen sich eigentlich nie, was sie dem Kind damit antun? Denken die nicht an die Spätfolgen, die der Schock über die gekünstelt grinsenden Fremdgebisse dicht über dem eigenen Gesicht, die „Eididuddidududeidei!“-Geräusche und das Kniepen spitznageliger Finger in die eben frisch eingecremten Bäckchen auslösen könnte?
Wahrscheinlich würde ich ganz genau so ein Muttertier werden, die ohne Kind nirgends mehr erscheint – oder zumindest nicht lange bleibt, weil sie niemandem sonst ihr Kind anvertrauen möchte, nicht mal dem Kindsvater. Der wird höchstens schrillschimpfend angewiesen, wie langsam er das Auto zu steuern hat, wenn das Baby on board ist – auch wenn die Kindsmutter selbst die Rallye Dakar gewinnen würde.
Vermutlich wäre ich eine aus der Herde, die beim Brunch mit Freunden den Gesprächspartnern mit ihren verklärten Windelwarentestberichten und unerbetenen Ratschlägen ständig ins Wort fällt. Die hektisch Babyfotos und zufällig in der Handtasche vorhandenes Spielzeug zwischen sorgfältig arrangierten Kaffeetassen verteilt und den dem Kind sorgsam entfernten Popel auf die Untertasse schmiert. Die mit dem Teelöffel in die Marmelade fährt, um dem Baby ein Leckerli zu gönnen, und danach achtlos den besabberten Löffel zurück ins Marmeladenglas stellt. Und die kindgemäße Ermahnungen („Nananawasmachstdudennda- meinkleinessüßesschätzchen!“) von sich gibt und dann gönnerhaft das beschmadderte Baby dem kinderlosen Tischnachbarn auf den Schoß drapiert, um ihn, glücklich ihre wahre Bestimmung ausstrahlend, zu kontaminieren, „damit sie mal eben paar Minuten Zeit für sich selbst auf dem Klo hat, hahaha“.
Eventuell würde ich auch pausenlos meinen Kolleginnen und Freundinnen von den Sorgen, die die Heranwachsenden bereiten, berichten. Wie meine Kollegin, die sich trotz großer Anstrengung immer noch nicht komplett von ihren leider noch nicht ganz selbstständigen Kindern abgenabelt hat. „Stell dir vor“, erzählte sie neulich, als ich gerade hungrig in meine Frühstücksstulle biss, „da holen wir die Große von der Schule ab, um mit ihr einkaufen zu fahren, und da stinkt es schon, als sie ins Auto steigt. ´Ich muss dringend kacken!`, war ihre Erklärung, aber kacken konnte sie natürlich nur zu Hause, also fiel der Einkauf aus...“ Aber wenn sie einmal lächeln, kriegst du alles zurück?
Uff! Nee, so mütterlich möchte ich einfach nicht sein! Natürlich gibt es auch ganz andere Mütter (ich beobachte das erstaunt in meinem Freundeskreis), die das Windeln vorrangig vom Vater erledigen lassen und die ihr Kind mindestens einmal pro Woche bei der Oma / Nachbarin / besten Freundin unterbringen, weil es auf Konzerten und im Freiluftkino nicht mehr die ganze Zeit im Kinderwagen durchschläft. Diese Mütter schaffen es tatsächlich, nicht jede Viertelstunde per Handy nachzufragen, ob auch wirklich alles in Ordnung ist. Aber das sind Ausnahmen. Möglicherweise würde ich dazugehören. Vielleicht aber auch nicht.
Ich bin also ganz bestimmt egoistisch, wenn ich weiterhin die Annehmlichkeiten meines kinderlosen Lebens uneingeschränkt genießen will. Wenn ich mir selbst am wichtigsten bin. Aber wie sollte ich das nicht sein? Ich bin die Einzige, die mich von innen betrachten kann. Die also weiß, was sie sich wünscht und wie sie leben möchte. Alle anderen, selbst die Vertrautesten, können nur raten oder fragen. Und selbst meine Antwort an sie scheint nur unzureichend ausdrücken, was in mir vorgeht. Ich weiß nur eins sicher: ich brauche kein Kind, um selbst eins zu sein.