Mittwoch, 21. Februar 2007

Amadeus

Amadeus, Foto: Opernhaus Halle
Wenn ich es auch erst gestern sah, muss ich doch sagen, dass die Presse das Ballett „Amadeus“ des halleschen Opernhauses zu Recht als „originellsten Beitrag zum Mozart-Gedenkjahr“ feierte. Wie ich es erlebte?
Prolog (1. Bild): Bereits krank sitzt Wolfgang Amadeus Mozart an seinem Billardtisch und komponiert, getrieben vom Druck der Gesellschaft, des Vaters und von sich selbst. Dabei schaut er zurück auf sein Leben, auf die Männer und Frauen, die ihn und sein Werk beeinflusst haben. (Als äußere Attribute seiner Krankheit trägt er, sehr effektvoll, nur Unterkleider und um den Kopf die Bandage, über die dann die Perücke gezogen wird.)
In den folgenden Bildern erzählt das Ballett von Mozarts Auseinandersetzungen mit seinem Vater (in akkurater Strenge, durch die väterliche Liebe und Verzweiflung schimmern), von den ungleichen Schwestern Aloisia (naiv und anständig) und Constanze (leidenschaftlich und verständnisvoll) und seinem Rivalen Salieri (hier mehr wohlwollend-berechnender Mäzen als Feind, der trotz seiner Liebe zur Musik niemals den Bezug zur Wirklichkeit verlieren will)
Der Star des Abends war zweifellos Yann Revazov, der dem jungen Mozart so viel sympathische, lausbübische Lebendigkeit einhauchte, dass man als Zuschauer gar nicht anders konnte, als gebannt und hingerissen auf dieses unperfekte Genie zu starren. Superstar Amadeus – poppig, eitel, unzufrieden und ruhelos. Scheinbar widersprüchlich im Innen und Außen: Seine harmonischen, rein und zart klingenden Kompositionen im Gegensatz zu seinem lauten, unbekümmert-vulgären Auftreten in der Gesellschaft, was letztlich doch nichts anderes war als ein Ausdruck seiner überschäumenden Lebenslust und Leidenschaft. Wundervoll wurde dieser Widerspruch auf der Bühne umgesetzt: Während Mozart sich im Vordergrund (Realität) auf beinahe peinlich drollige Art dem weltlichen Genuss der Liebe hingab, wurden im Hintergrund (Phantasie) durch graziöse, weißgekleidete Tänzer beim Pas de Deux das Ergebnis seiner Inspiration und seine Genialität überhaupt dargestellt. Ich mochte es, wie durch den plump wirkenden Tanz von Mozart und Constanze zum Ausdruck kam, dass auch ein Genie erdverhaftet und mit Alltags- und Beziehungsproblemen geplagt ist.
Bildliche Parallelen zu Milos Formans Film „Amadeus“, wie die Punk-Perücken oder das Komponieren am Billardtisch, waren unverkennbar – aber gerade deshalb konnte man als Zuschauer sofort eintauchen in Mozarts buntes Treiben, als ob man gut bekannt damit wäre.
Farben spielten bei diesem Spektakel eine große Rolle (wie bei den meisten von Rossas Balletten): Die Bühne wurde, wenn es um das höfische Leben ging, in neonfarbenes Licht getaucht (geniale Idee, dafür leuchtende Plexiglas-Säulen mit Rokoko-Kapitellen zu verwenden!), und auch die Tänzer trugen Bollywood-Farben (rot, bordeaux, pink, orange, gold...). Die ernsten Auseinandersetzungen zwischen Leopold Mozart bzw. Salieri und Amadeus sind dagegen (auch Rossa-typisch) sparsam, fast gar nicht koloriert – schwarz wird die Bühne, lediglich Spots folgen den kämpfenden Tänzern, untermalt von den satten düsteren Klängen des „Rockquiems“.
Die verwendete Musik ist genauso bunt wie das ganze Stück: Neben klassischen Originalen (und Collagen aus diesen!) werden moderne Mozart-Adaptionen im Samba- und Pop-Rhythmus und immer wieder das bedrohliche „Rockquiem“ eingespielt.
Mozarts Leben endet auf der Bühne mit den gleichen dramatischen Bildern, mit denen das Ballett begann: Er stirbt am Billardtisch beim Komponieren des Requiems, verzweifelt beweint von Constanze. Schön ist aber, dass damit nicht das Ballett endet. Man lässt Mozart weiterleben; inmitten seiner von ihm geschaffenen Figuren (Papageno, Figaro, der Königin der Nacht...) wirbelt er für immer über die Bühnen und durch unsere Herzen. Hach ja. Ein Stück zum Öftergucken!