Freitag, 19. Januar 2007

Kyrills Kunst.

Die Unwetterwarnungen liefen ja den ganzen Tag im Radio. Die Schulkinder wurden nach Hause geschickt, solange die Schulwege noch sicher waren. Allen wurde geraten, nachmittags lieber zu Hause zu bleiben.
Ich ließ mich von der Panik anstecken, verzichtete auf´s Tanztraining und machte mich zeitiger als sonst auf den Heimweg. Da war der Sturm noch gar nicht so schlimm. Lediglich einige Böen trieben mir bisschen Straßendreck in die Augen. Spatzen und Amseln hatten sich aber schon, missmutig aufgeplustert, in die niedrigsten Zweige der Sträucher zurückgezogen. Der erstaunlich warme Wind ließ leere Plastiktüten elegante Pirouetten drehen, während um sie herum ein Chorus aus braunem Laub wirbelte. Das sah schön aus. Einige Zweige waren jedoch schon von den Bäumen abgeknickt, deshalb beeilte ich mich, nach Hause zu kommen, um zu sehen, ob auf meiner Dachterrasse noch alles an seinem Platz war. Zum Glück hatte meine Nichte in ihrer Mittagspause die Mülltütensammlung, Tische und Plastikeimer in windgeschützten Ecken verstaut und mit Untersetzer-Kacheln beschwert. Denn oben auf dem Dach zerrte der Wind viel heftiger an jedem fassbaren Zipfel als unten auf der Straße. Ein kleiner Blumentopf war bereits zerschellt. Ich zurrte die Abdeckplanen über den Balkonmöbeln richtig fest, stellte alles auf den Fußboden, was wegfliegen könnte, und nahm Mülleimer- und Regenfassdeckel mit in die Wohnung.
Meine Räumaktion hatte einen Durchzug verursacht. Der Wind war durch die Dichtung des Dachfensters gedrungen, hatte Schmutz hereingetragen und Spinnweben abgerissen. Die lagen nun wie ein zusammengeknüllter weißer Wollfaden auf den Dielen und hunderte winziger Spinnchen machten sich gerade auf die Suche nach einem neuen Zuhause. Ich saugte so viele weg, wie ich finden konnte. Ansonsten würden sie sich einnisten und wachsen...
Dann beobachtete ich argwöhnisch durch die Balkontür die schwankenden Bäume. Meine Güte, die Robinien wedelten wirklich wild mit ihren Ästen, und die Birke gegenüber verbeugte sich fast so tief wie José Carreras auf einer Wohltätigkeitsgala. Dicke dunkle Wolken flogen am Himmel genau auf mich zu, und als ich die Hand auf das Holz des Rahmens legte, fühlte ich, wie die Balkontür bei jeder Böe bebte. Das beunruhigte mich. Der Sturm drückte genau gegen die großen Glasflächen. Wenn die nun platzten?
Als ich im Studentenwohnheim wohnte, in der dreizehnten Etage eines Plattenbaus, hatte ich einmal gesehen, wie sich bei einem heftigen Sturm das Glas eines großen Flurfensters nach innen wölbte. Es summte und vibrierte dabei bedrohlich und ließ mich schleunigst aus diesem Korridor verschwinden. Paar Sekunden später klirrte es.
Ich rückte meinen großen Lesesessel gegen den Türrahmen und hoffte, dass er half, die Böen vom Knacken der Verriegelung abzuhalten. Das fanden die Kaninchen natürlich klasse! Die störte der Sturm herzlich wenig. Sie freuten sich einfach, dass im Wohnzimmer plötzlich so viel Platz zum Toben war.
Meine Nichte und ich tranken zum Abendessen und zur Beruhigung ein-zwei-drei Gläschen Rosé. Müde wurden wir davon aber nicht. Mittlerweile regnete es heftig. Wasser prasselte ans Fenster – zu viel Wasser! Der Sturm hatte einen Teil des Fallrohrs der Regenrinne abgerissen. Wo es hingeflogen war, konnten wir im Dunkeln nicht erspähen. Ängstlich kuschelten wir die Hasen, lauschten dem Knarren und Ächzen der Dachbalken und fühlten immer wieder, wie die große Giebelwand des Hauses zitterte. Ab und zu lief uns ein kleines Spinnchen über die Hand.
Gegen neun flaute der Sturm zum Wind ab und wir beruhigten uns soweit, dass wir bald schlafen gehen konnten. Nachts um eins ging der Sturm allerdings wieder richtig los. Er pfiff durch die Dachfenster und Türritzen und heulte um die Hausecken. Die Balken krachten und die Balkoneinfassung schwankte so stark, dass die Dachrinne schepperte. Wir lagen schlaf- und reglos in den Betten, bis das Getöse nachließ.
Heute Morgen war es ziemlich still, der Himmel klar und die Luft herrlich sauber. Jetzt scheint sogar die Sonne. Der Tag wird schön, denke ich. Freitag!