Mittwoch, 17. Januar 2007

Farbenfroher Traum.

Heute Nacht träumte ich...

Mein Urlaub ist gerade vorbei und gemeinerweise lacht die Sonne noch immer. Zwei Tage habe ich noch, die ich nach der Reise still für mich zu Hause verbringen will, um wieder in den Alltag zu finden. Der Gedanke, was ich in diesem Alltag finden werde, lässt mich frösteln. Intoleranz, Heuchelei, Oberflächlichkeit und Desinteresse. Auch bei mir. Wie kann ich dem entgehen? Oder kann ich ganz und gar damit aufräumen? Was würde passieren, wenn ich provozieren würde?
Ich beschließe, ein Experiment zu wagen. Zwei Wochen lang war ich nicht im Büro. Zwei Wochen sind genug Zeit, um einen Image-Wechsel glaubhaft scheinen zu lassen. Äußerlich verändert habe ich mich im Urlaub eigentlich nicht, abgesehen von einer gesunden Bräune. Aber da kann man ja nachhelfen.
An meinem ersten Arbeitstag krame ich frühmorgens in meinem Kleiderschrank und fördere eine alte Latzhose zu Tage. Sie ist aus verwaschenem Jeansstoff, weit geschnitten – ich sehe darin schwanger aus. Hmm. Den Eindruck möchte ich nicht erwecken. Kurzentschlossen schneide ich den Saum der Hosenbeine ab, franse ihn aus und reiße eine Gesäßtasche zu einem Viertel von der Hose. Ich befestige nur einen Träger und lasse den anderen einfach runterhägen. Schon besser - jetzt wirke ich, als hätte ich verpennt und dann nichts ordentliches mehr im Schrank gefunden.
Ein altes buntes Goa-Shirt ist kurz genug, dass zwischen Hosenbund und Saum noch genug Haut hervorblitzt. Schade, dass man meinen Bauchnabel nicht sehen kann, sonst hätte ich einen Plastik-Edelstein hineingeklebt, um ein Pearcing vorzutäuschen. Aber das kann man ja auch an anderen Körperstellen tragen. Ich befestige ein blaues Steinchen am Nasenflügel – und finde mich immer noch zu brav. Es sieht einfach nur nach Urlaubsparty aus. Noch mehr Farbe muss her!
In einer Bastelkiste finde ich Ostereierfarbe. Sorgfältig färbe ich meine Augenbrauen grasgrün, wie einst Marusha, und schminke mich, unpassend dazu, in pink und himmelblau, mit tiefschwarz umrandeten Augen. Das Ergebnis ist erschreckend: Mein Gesicht wirkt älter und jünger zugleich, starr, schrill und künstlich. Aber ich möchte lebendig aussehen, deshalb wische ich den größten Teil des Make ups wieder weg, lasse nur die grünen Brauen und das Augenschwarz.
Was ist mit meinen Haaren? Die Urlaubssonne hat die Tönung ausgeblichen, so dass sie sowieso verwaschen und strohig wirken. Ich toupiere in alle Richtungen und binde ein zerfranstes Tuch hinein. Cool. Jetzt sehe ich verrückt genug aus.
Auf Schuhe verzichte ich. Zu diesem Outfit passen keine meiner Treter. Barfuß trete ich den Weg ins Büro an. Höchste Zeit!
Dort angekommen, empfängt mich die Kollegin, mit der ich ein Zimmer teile, mit den verblüfften Worten: „Du kommst wohl direkt vom Flughafen?“ – „Nein“, erwidere ich freundlich lächelnd, „von zu Hause. Guten Morgen übrigens.“ Ich starte meinen PC und warte auf weitere Reaktionen. Meine Kollegin kann sich jedoch noch nicht entschließen, was sie zu meinem Anblick sagen soll. Argwöhnisch beobachtet sie mich und hofft sichtlich auf eine Auflösung der rätselhaften Situation. Dann beginnt sie, geschäftig auf die Tastatur zu hämmern. Dabei erkundigt sie sich beiläufig und ohne mich anzusehen, wie denn nun eigentlich mein Urlaub war. „Schön war´s“, sage ich und erzähle phantasievoll über glückliche Tage in einer „Kommune“ mit aufgeschlossenen Leuten, über Yoga und Tantra, heiße Nächte am Strand... dabei zwinkere ich ihr bedeutungsvoll zu. Das Gesicht meiner Zimmergenossin wird immer länger, ihre Augen immer runder. „Also, das wäre ja nichts für mich“, meint sie ablehnend, „diese kaputten Hosen und barfuß bei dem Dreck überall und überhaupt – was man sich da alles wegholen kann...“ Ich zucke mit den Schultern und sage: „Du, ich dachte erst auch nicht, das mir so ein Leben gefällt. Aber nachdem ich es ausprobiert hatte, fand ich es wirklich entspannend. Alle waren so lieb und fürsorglich, nie gab es Streit. Zwei der Jungs sind übrigens mit mir zurückgekommen, sie wohnen jetzt bei mir. Sobald wir ein passendes Loft gefunden haben, eröffnen wir eine eigene Kommune. Magst du sie mal kennen lernen?“
Fassungslos starrt mich die Kollegin eine Weile an. Schließlich murmelt sie was von „frühstücken gehen“ und eilt aus dem Zimmer. Jetzt geht der Klatsch los, weiß ich und grinse vor mich hin.
Eine halbe Stunde lang bleibe ich allein im Raum. Dann erscheint meine Kollegin wieder, setzt sich an ihren PC und tippt. Von Zeit zu Zeit wirft sie mir misstrauische Blicke zu. Ich schaue konzentriert auf meinen Bildschirm und versuche, mein amüsiertes Grinsen durch ein verklärtes Lächeln und leises Summen zu kaschieren. Endlich hält sie es nicht mehr aus und platzt heraus. „Wieso bist du überhaupt zurückgekommen, wenn dir das Leben dort so gut gefallen hat?“ – „Na, um Geld zu verdienen natürlich.“, ich bin tatsächlich überrascht über ihre Frage, „Auch diese Art zu leben kostet was.“
Bevor sich meine Zimmergenossin echauffieren kann, kommt eine andere Kollegin ins Zimmer, um eine Akte zu holen. Sie greift ziemlich wahllos ins Regal, da sie den Blick nicht von mir wenden will. „Hi“, strahle ich sie an, „kann ich dir helfen?“ Sie schüttelt den Kopf und eilt wieder davon. Die Tür zu schließen, schafft sie nicht, da ihr die Klinke von einem Kollegen aus der Hand gerissen wird. „Na?“, dröhnt er, während er ins Büro schlendert, „wieder da aus dem Urlaub?“ Ich nicke lächelnd und verkneife mir ein „wie du sehen kannst“ – schließlich komme ich gerade aus einer Welt voll von Harmonie und Liebe. „Äh... gut siehst du aus“, kichert der Kollege und lässt seine Augen in meinen Ausschnitt fallen, „braungebrannt und so.“ – „Ja“, bestätige ich, „so braun bin ich am ganzen Körper. Wir sind dort fast die ganze Zeit nackt herumgelaufen.“ Der Kollege errötet und wendet sich an meine Kollegin. Sie tuscheln etwas, dann verlassen beide den Raum. Ich bin gespannt, wer als nächstes erscheint.
Lange muss ich nicht warten. Nur einige Minuten später wird die Tür schwungvoll aufgerissen und meine Chefin schwebt ins Zimmer, wie gewohnt in zeitlos-elegantem Kaufhaus-Chic. Hinterher trippelt mit eifrigen Schrittchen meine Raumteilerin.
„Hallo“, säuselt meine Chefin und bleckt ihre Zähne, „jetzt muss ich mir doch mal selbst anschauen, wie braun du im Urlaub geworden bist. Alle reden ja davon.“ Sie streckt mir ihre Fingerspitzen zur Begrüßung entgegen. Entschlossen greife ich mir ihre Hand und schüttle sie energisch. Die Chefinnenhand zuckt zurück, als hätte sie im Dunkeln in etwas undefinierbar Weiches gegriffen. „Wie war denn der Urlaub?“, fragt die Chefin und mustert mich von Kopf bis Fuß. Ich wiederhole meinen begeisterten Bericht, lasse aber pietätvoll die erotischen Anspielungen aus. Sowieso wird sie diesen Teil als erstes von meiner Kollegin erfahren haben. Trotzdem erschlaffen allmählich die Mundwinkel meiner Chefin. Als ich fertig bin mit meiner Story, sieht sie eindringlich knapp an mir vorbei und sagt mit ernster Stimme: „Nun ja, ich hoffe, deine... äh... Erlebnisse lassen dich deine Arbeit trotzdem gewissenhaft und termingerecht ausüben.“ – „Natürlich! Warum denn nicht?“, wundere ich mich anschaulich. Meine Chefin windet sich sichtlich. „Ja, weißt du, dein Aussehen... Nicht, dass ich etwas gegen Pearcings habe... die tragen ja mittlerweile viele... Auch zerrissene Hosen sollen ja modern sein... Aber wir sind ein Dienstleistungsunternehmen, wir haben viel Kundenverkehr...“ – ich grinse unwillkürlich und sie wird rosa – „...und da halte ich deinen Habitus nicht für angemessen.“ Sie sagt wirklich Habitus. „Was genau meinst du?“, frage ich naiv, „Die Sachen sind sauber, ich bin geduscht, meine Haare sind gewaschen...“ – „Ja, aber deine Hose ist zerrissen! Du bist barfuß, was sich mit dem Arbeitsschutz nicht vereinbaren lässt! Und deine Augenbrauen sind grün!“
Ich hole tief Luft, um nicht loszulachen. „Bei allem Respekt“, sage ich feierlich und kann mir ein leises Glucksen wegen dieser Hollywood-Floskel nicht verkneifen, „welche Farbe meine Augenbrauen haben müssen, wirst du in keiner Dienstvorschrift finden – das ist allein meine Sache.“ Ich lächle sie besänftigend an und erkläre: “Grün ist die Farbe der Harmonie von Körper und Geist – je näher sich das Grün am Hirn befindet, desto effizienter denkt man. Unterstützt wird dies noch, wenn die Erdenergie ungehindert durch die nackten Füße bis ins Gehirn strömen kann.“ Verwirrt runzelt meine Chefin ihre Stirn. „Aber die Notwendigkeit des Arbeitsschutzes sehe ich ein. Außerdem kann ich meine zerrissene Gesäßtasche nähen.“, versichere ich ihr.
Meine Chefin tritt den Rückzug an. Aber ich vermute, dass sie so schnell nicht aufgibt.
Als ich jedoch später wegen einer Akte in ihr Zimmer muss, ertappe ich sie, wie sie sich ein Blatt ihres Gummibaums an die Stirn presst. Ihre Pumps liegen inhaltslos unter ihrem Schreibtisch.
Nachdenklich mache ich mich auf den Heimweg. Und beginne, mich ein bisschen auf morgen zu freuen, wenn ich mit bunt geflickten Hosen, Wanderschuhen und blauen Augenbrauen wieder im Büro erscheine. Wer dann wohl der nächste ist, auf den ich abfärbe?

Man wird ja wohl mal träumen dürfen...