Dienstag, 23. Januar 2007

Sch... Thema.

Magen-Darm-Infekt – wer läuft schneller bis zum Klo?
Gestern ging gar nichts außer Reihern und... naja... eben oben und unten gleichzeitig. Ich lag flach, so wie am Donnerstag der vorletzten Woche. Ich hätte wohl noch ein paar Tage Diät halten sollen, anstatt am Mittwoch nach meiner Gesundschreibung gleich wieder Kartoffelauflauf mit Lachs-Spinat-Sauce zum Mittag (die Geburtstagsrunde einer Kollegin), am Samstag reichlich Kuchen und abends noch mehr Leckereien von der Mama (auch eine Geburtstagsrunde) und am Sonntag dann (das war die Krönung) alles, was auf dem Brunchbuffet angeboten wurde, zu futtern. Ja, so fett wie dieser Satz ist, war das ganze Essen. Und das durfte ich dann gestern zweimal erleben. Mahlzeit.
Das Wartezimmer war heute extrem voll. Und mir war immer noch so übel. Links neben mir saß eine Frau, deren an Old Spice erinnerndes Parfum mich umwölkte. Rechts neben mir saß ein Mann, dessen Mundgeruch ich sogar riechen konnte, wenn er durch die Nase ausatmete. Zwei Plätze weiter links hustete ein alter Mann sich den Schleim aus den Bronchien. Und überhaupt war es ungemein stickig im Raum. Mir war schwindlig, weil ich seit mehr als 24 Stunden nur drei Zwiebäckchen gegessen hatte. Mehr kriegte ich nicht runter. (Leider macht sich dieses Fasten bei mir nicht mal grammweise bemerkbar.) Zum Glück hatte ich gefragt, ob ich eher drankommen kann, weil mir so schlecht war. Die Schwester hatte mir geglaubt, und so konnte ich schon nach einer halben Stunde zur Ärztin. Die tastete meinen Bauch ab, machte mir Mut für die zweite Runde und riet mir, mich ordentlich auszuschei... ruhen. Viel trinken. Aber keinen Becherovka. Na gut, dann eben Tee, sind ja auch Kräuter drin. Wohl bekomm´s.

Freitag, 19. Januar 2007

Kyrills Kunst.

Die Unwetterwarnungen liefen ja den ganzen Tag im Radio. Die Schulkinder wurden nach Hause geschickt, solange die Schulwege noch sicher waren. Allen wurde geraten, nachmittags lieber zu Hause zu bleiben.
Ich ließ mich von der Panik anstecken, verzichtete auf´s Tanztraining und machte mich zeitiger als sonst auf den Heimweg. Da war der Sturm noch gar nicht so schlimm. Lediglich einige Böen trieben mir bisschen Straßendreck in die Augen. Spatzen und Amseln hatten sich aber schon, missmutig aufgeplustert, in die niedrigsten Zweige der Sträucher zurückgezogen. Der erstaunlich warme Wind ließ leere Plastiktüten elegante Pirouetten drehen, während um sie herum ein Chorus aus braunem Laub wirbelte. Das sah schön aus. Einige Zweige waren jedoch schon von den Bäumen abgeknickt, deshalb beeilte ich mich, nach Hause zu kommen, um zu sehen, ob auf meiner Dachterrasse noch alles an seinem Platz war. Zum Glück hatte meine Nichte in ihrer Mittagspause die Mülltütensammlung, Tische und Plastikeimer in windgeschützten Ecken verstaut und mit Untersetzer-Kacheln beschwert. Denn oben auf dem Dach zerrte der Wind viel heftiger an jedem fassbaren Zipfel als unten auf der Straße. Ein kleiner Blumentopf war bereits zerschellt. Ich zurrte die Abdeckplanen über den Balkonmöbeln richtig fest, stellte alles auf den Fußboden, was wegfliegen könnte, und nahm Mülleimer- und Regenfassdeckel mit in die Wohnung.
Meine Räumaktion hatte einen Durchzug verursacht. Der Wind war durch die Dichtung des Dachfensters gedrungen, hatte Schmutz hereingetragen und Spinnweben abgerissen. Die lagen nun wie ein zusammengeknüllter weißer Wollfaden auf den Dielen und hunderte winziger Spinnchen machten sich gerade auf die Suche nach einem neuen Zuhause. Ich saugte so viele weg, wie ich finden konnte. Ansonsten würden sie sich einnisten und wachsen...
Dann beobachtete ich argwöhnisch durch die Balkontür die schwankenden Bäume. Meine Güte, die Robinien wedelten wirklich wild mit ihren Ästen, und die Birke gegenüber verbeugte sich fast so tief wie José Carreras auf einer Wohltätigkeitsgala. Dicke dunkle Wolken flogen am Himmel genau auf mich zu, und als ich die Hand auf das Holz des Rahmens legte, fühlte ich, wie die Balkontür bei jeder Böe bebte. Das beunruhigte mich. Der Sturm drückte genau gegen die großen Glasflächen. Wenn die nun platzten?
Als ich im Studentenwohnheim wohnte, in der dreizehnten Etage eines Plattenbaus, hatte ich einmal gesehen, wie sich bei einem heftigen Sturm das Glas eines großen Flurfensters nach innen wölbte. Es summte und vibrierte dabei bedrohlich und ließ mich schleunigst aus diesem Korridor verschwinden. Paar Sekunden später klirrte es.
Ich rückte meinen großen Lesesessel gegen den Türrahmen und hoffte, dass er half, die Böen vom Knacken der Verriegelung abzuhalten. Das fanden die Kaninchen natürlich klasse! Die störte der Sturm herzlich wenig. Sie freuten sich einfach, dass im Wohnzimmer plötzlich so viel Platz zum Toben war.
Meine Nichte und ich tranken zum Abendessen und zur Beruhigung ein-zwei-drei Gläschen Rosé. Müde wurden wir davon aber nicht. Mittlerweile regnete es heftig. Wasser prasselte ans Fenster – zu viel Wasser! Der Sturm hatte einen Teil des Fallrohrs der Regenrinne abgerissen. Wo es hingeflogen war, konnten wir im Dunkeln nicht erspähen. Ängstlich kuschelten wir die Hasen, lauschten dem Knarren und Ächzen der Dachbalken und fühlten immer wieder, wie die große Giebelwand des Hauses zitterte. Ab und zu lief uns ein kleines Spinnchen über die Hand.
Gegen neun flaute der Sturm zum Wind ab und wir beruhigten uns soweit, dass wir bald schlafen gehen konnten. Nachts um eins ging der Sturm allerdings wieder richtig los. Er pfiff durch die Dachfenster und Türritzen und heulte um die Hausecken. Die Balken krachten und die Balkoneinfassung schwankte so stark, dass die Dachrinne schepperte. Wir lagen schlaf- und reglos in den Betten, bis das Getöse nachließ.
Heute Morgen war es ziemlich still, der Himmel klar und die Luft herrlich sauber. Jetzt scheint sogar die Sonne. Der Tag wird schön, denke ich. Freitag!

Mittwoch, 17. Januar 2007

Farbenfroher Traum.

Heute Nacht träumte ich...

Mein Urlaub ist gerade vorbei und gemeinerweise lacht die Sonne noch immer. Zwei Tage habe ich noch, die ich nach der Reise still für mich zu Hause verbringen will, um wieder in den Alltag zu finden. Der Gedanke, was ich in diesem Alltag finden werde, lässt mich frösteln. Intoleranz, Heuchelei, Oberflächlichkeit und Desinteresse. Auch bei mir. Wie kann ich dem entgehen? Oder kann ich ganz und gar damit aufräumen? Was würde passieren, wenn ich provozieren würde?
Ich beschließe, ein Experiment zu wagen. Zwei Wochen lang war ich nicht im Büro. Zwei Wochen sind genug Zeit, um einen Image-Wechsel glaubhaft scheinen zu lassen. Äußerlich verändert habe ich mich im Urlaub eigentlich nicht, abgesehen von einer gesunden Bräune. Aber da kann man ja nachhelfen.
An meinem ersten Arbeitstag krame ich frühmorgens in meinem Kleiderschrank und fördere eine alte Latzhose zu Tage. Sie ist aus verwaschenem Jeansstoff, weit geschnitten – ich sehe darin schwanger aus. Hmm. Den Eindruck möchte ich nicht erwecken. Kurzentschlossen schneide ich den Saum der Hosenbeine ab, franse ihn aus und reiße eine Gesäßtasche zu einem Viertel von der Hose. Ich befestige nur einen Träger und lasse den anderen einfach runterhägen. Schon besser - jetzt wirke ich, als hätte ich verpennt und dann nichts ordentliches mehr im Schrank gefunden.
Ein altes buntes Goa-Shirt ist kurz genug, dass zwischen Hosenbund und Saum noch genug Haut hervorblitzt. Schade, dass man meinen Bauchnabel nicht sehen kann, sonst hätte ich einen Plastik-Edelstein hineingeklebt, um ein Pearcing vorzutäuschen. Aber das kann man ja auch an anderen Körperstellen tragen. Ich befestige ein blaues Steinchen am Nasenflügel – und finde mich immer noch zu brav. Es sieht einfach nur nach Urlaubsparty aus. Noch mehr Farbe muss her!
In einer Bastelkiste finde ich Ostereierfarbe. Sorgfältig färbe ich meine Augenbrauen grasgrün, wie einst Marusha, und schminke mich, unpassend dazu, in pink und himmelblau, mit tiefschwarz umrandeten Augen. Das Ergebnis ist erschreckend: Mein Gesicht wirkt älter und jünger zugleich, starr, schrill und künstlich. Aber ich möchte lebendig aussehen, deshalb wische ich den größten Teil des Make ups wieder weg, lasse nur die grünen Brauen und das Augenschwarz.
Was ist mit meinen Haaren? Die Urlaubssonne hat die Tönung ausgeblichen, so dass sie sowieso verwaschen und strohig wirken. Ich toupiere in alle Richtungen und binde ein zerfranstes Tuch hinein. Cool. Jetzt sehe ich verrückt genug aus.
Auf Schuhe verzichte ich. Zu diesem Outfit passen keine meiner Treter. Barfuß trete ich den Weg ins Büro an. Höchste Zeit!
Dort angekommen, empfängt mich die Kollegin, mit der ich ein Zimmer teile, mit den verblüfften Worten: „Du kommst wohl direkt vom Flughafen?“ – „Nein“, erwidere ich freundlich lächelnd, „von zu Hause. Guten Morgen übrigens.“ Ich starte meinen PC und warte auf weitere Reaktionen. Meine Kollegin kann sich jedoch noch nicht entschließen, was sie zu meinem Anblick sagen soll. Argwöhnisch beobachtet sie mich und hofft sichtlich auf eine Auflösung der rätselhaften Situation. Dann beginnt sie, geschäftig auf die Tastatur zu hämmern. Dabei erkundigt sie sich beiläufig und ohne mich anzusehen, wie denn nun eigentlich mein Urlaub war. „Schön war´s“, sage ich und erzähle phantasievoll über glückliche Tage in einer „Kommune“ mit aufgeschlossenen Leuten, über Yoga und Tantra, heiße Nächte am Strand... dabei zwinkere ich ihr bedeutungsvoll zu. Das Gesicht meiner Zimmergenossin wird immer länger, ihre Augen immer runder. „Also, das wäre ja nichts für mich“, meint sie ablehnend, „diese kaputten Hosen und barfuß bei dem Dreck überall und überhaupt – was man sich da alles wegholen kann...“ Ich zucke mit den Schultern und sage: „Du, ich dachte erst auch nicht, das mir so ein Leben gefällt. Aber nachdem ich es ausprobiert hatte, fand ich es wirklich entspannend. Alle waren so lieb und fürsorglich, nie gab es Streit. Zwei der Jungs sind übrigens mit mir zurückgekommen, sie wohnen jetzt bei mir. Sobald wir ein passendes Loft gefunden haben, eröffnen wir eine eigene Kommune. Magst du sie mal kennen lernen?“
Fassungslos starrt mich die Kollegin eine Weile an. Schließlich murmelt sie was von „frühstücken gehen“ und eilt aus dem Zimmer. Jetzt geht der Klatsch los, weiß ich und grinse vor mich hin.
Eine halbe Stunde lang bleibe ich allein im Raum. Dann erscheint meine Kollegin wieder, setzt sich an ihren PC und tippt. Von Zeit zu Zeit wirft sie mir misstrauische Blicke zu. Ich schaue konzentriert auf meinen Bildschirm und versuche, mein amüsiertes Grinsen durch ein verklärtes Lächeln und leises Summen zu kaschieren. Endlich hält sie es nicht mehr aus und platzt heraus. „Wieso bist du überhaupt zurückgekommen, wenn dir das Leben dort so gut gefallen hat?“ – „Na, um Geld zu verdienen natürlich.“, ich bin tatsächlich überrascht über ihre Frage, „Auch diese Art zu leben kostet was.“
Bevor sich meine Zimmergenossin echauffieren kann, kommt eine andere Kollegin ins Zimmer, um eine Akte zu holen. Sie greift ziemlich wahllos ins Regal, da sie den Blick nicht von mir wenden will. „Hi“, strahle ich sie an, „kann ich dir helfen?“ Sie schüttelt den Kopf und eilt wieder davon. Die Tür zu schließen, schafft sie nicht, da ihr die Klinke von einem Kollegen aus der Hand gerissen wird. „Na?“, dröhnt er, während er ins Büro schlendert, „wieder da aus dem Urlaub?“ Ich nicke lächelnd und verkneife mir ein „wie du sehen kannst“ – schließlich komme ich gerade aus einer Welt voll von Harmonie und Liebe. „Äh... gut siehst du aus“, kichert der Kollege und lässt seine Augen in meinen Ausschnitt fallen, „braungebrannt und so.“ – „Ja“, bestätige ich, „so braun bin ich am ganzen Körper. Wir sind dort fast die ganze Zeit nackt herumgelaufen.“ Der Kollege errötet und wendet sich an meine Kollegin. Sie tuscheln etwas, dann verlassen beide den Raum. Ich bin gespannt, wer als nächstes erscheint.
Lange muss ich nicht warten. Nur einige Minuten später wird die Tür schwungvoll aufgerissen und meine Chefin schwebt ins Zimmer, wie gewohnt in zeitlos-elegantem Kaufhaus-Chic. Hinterher trippelt mit eifrigen Schrittchen meine Raumteilerin.
„Hallo“, säuselt meine Chefin und bleckt ihre Zähne, „jetzt muss ich mir doch mal selbst anschauen, wie braun du im Urlaub geworden bist. Alle reden ja davon.“ Sie streckt mir ihre Fingerspitzen zur Begrüßung entgegen. Entschlossen greife ich mir ihre Hand und schüttle sie energisch. Die Chefinnenhand zuckt zurück, als hätte sie im Dunkeln in etwas undefinierbar Weiches gegriffen. „Wie war denn der Urlaub?“, fragt die Chefin und mustert mich von Kopf bis Fuß. Ich wiederhole meinen begeisterten Bericht, lasse aber pietätvoll die erotischen Anspielungen aus. Sowieso wird sie diesen Teil als erstes von meiner Kollegin erfahren haben. Trotzdem erschlaffen allmählich die Mundwinkel meiner Chefin. Als ich fertig bin mit meiner Story, sieht sie eindringlich knapp an mir vorbei und sagt mit ernster Stimme: „Nun ja, ich hoffe, deine... äh... Erlebnisse lassen dich deine Arbeit trotzdem gewissenhaft und termingerecht ausüben.“ – „Natürlich! Warum denn nicht?“, wundere ich mich anschaulich. Meine Chefin windet sich sichtlich. „Ja, weißt du, dein Aussehen... Nicht, dass ich etwas gegen Pearcings habe... die tragen ja mittlerweile viele... Auch zerrissene Hosen sollen ja modern sein... Aber wir sind ein Dienstleistungsunternehmen, wir haben viel Kundenverkehr...“ – ich grinse unwillkürlich und sie wird rosa – „...und da halte ich deinen Habitus nicht für angemessen.“ Sie sagt wirklich Habitus. „Was genau meinst du?“, frage ich naiv, „Die Sachen sind sauber, ich bin geduscht, meine Haare sind gewaschen...“ – „Ja, aber deine Hose ist zerrissen! Du bist barfuß, was sich mit dem Arbeitsschutz nicht vereinbaren lässt! Und deine Augenbrauen sind grün!“
Ich hole tief Luft, um nicht loszulachen. „Bei allem Respekt“, sage ich feierlich und kann mir ein leises Glucksen wegen dieser Hollywood-Floskel nicht verkneifen, „welche Farbe meine Augenbrauen haben müssen, wirst du in keiner Dienstvorschrift finden – das ist allein meine Sache.“ Ich lächle sie besänftigend an und erkläre: “Grün ist die Farbe der Harmonie von Körper und Geist – je näher sich das Grün am Hirn befindet, desto effizienter denkt man. Unterstützt wird dies noch, wenn die Erdenergie ungehindert durch die nackten Füße bis ins Gehirn strömen kann.“ Verwirrt runzelt meine Chefin ihre Stirn. „Aber die Notwendigkeit des Arbeitsschutzes sehe ich ein. Außerdem kann ich meine zerrissene Gesäßtasche nähen.“, versichere ich ihr.
Meine Chefin tritt den Rückzug an. Aber ich vermute, dass sie so schnell nicht aufgibt.
Als ich jedoch später wegen einer Akte in ihr Zimmer muss, ertappe ich sie, wie sie sich ein Blatt ihres Gummibaums an die Stirn presst. Ihre Pumps liegen inhaltslos unter ihrem Schreibtisch.
Nachdenklich mache ich mich auf den Heimweg. Und beginne, mich ein bisschen auf morgen zu freuen, wenn ich mit bunt geflickten Hosen, Wanderschuhen und blauen Augenbrauen wieder im Büro erscheine. Wer dann wohl der nächste ist, auf den ich abfärbe?

Man wird ja wohl mal träumen dürfen...

Dienstag, 9. Januar 2007

Wie hilft "Extremwandern" krebskranken Kindern?

Am 3.1.07 fand sich in der Mitteldeutschen Zeitung folgender Beitrag:
Der Leipziger Extremsportler Robby C. ist am Mittwochmorgen zu einem Weltrekordlauf rund um die Welt gestartet. In geplanten 298 Tagen will C. ca. 23.000 Kilometer zu Fuß zurücklegen. In den USA wollen ihn sogar Bruce Springsteen und Jon Bon Jovi ein Stück begleiten. Auf der Strecke werden rund 50 Sportschuhe verschlissen. Das Projekt kostet etwa 400.000 Euro. Erlöse aus Spenden sollen krebskranken Kindern zu Gute kommen.
Hm, dachte ich beim Lesen, 400.000 Euro hätte ich auch gern. Wer hat so viel Geld übrig, dass er einem Wandervogel eine Weltreise bezahlen kann? Würde ich auch nehmen. Zwar wandere ich nicht gern, aber ich bin auf jeden Fall bereit, auf meiner Weltreise eine kleine Spendenbüchse mitzuschleppen. Denn irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass auf der Wanderreise mehr als 400.000 Euro gespendet werden – einen Wanderer bringt man nicht so ohne weiteres mit krebskranken Kindern in Verbindung, wenn er nicht gerade ein Plakat trägt. Auf dem Foto im Web winkt der Typ jedoch lediglich mit einer Deutschlandflagge... Wär´s also nicht sinnvoller / zeitnaher / unmittelbar hilfreicher, die 400.000 Euro (die sicher von nicht ganz uneigennützig werbenden Sport- / Textil- / Arzneimittelfirmen gesponsort werden) direkt an die Kinderkrebshilfe zu spenden? Was für eine Verschwendung von Zeit und Geld...
Gestern stand nun in der Zeitung, dass dem C. am Samstag in Tschechien fast die gesamte Ausrüstung aus einem Begleitfahrzeug gestohlen worden war, darunter auch Spezial­wetter­kleidung, einen Großteil der Laufschuhe sowie atmungsaktive Unterwäsche. Mit dem Diebstahl war ihm nur noch die Kleidung geblieben, die er trug. Sein Team bemüht sich nun um neue Sachen sowie um Ersatz für einen kaputtgegangenen Van und eine Kamera zur Dokumentation der Story.
Hm, überlege ich nun wieder, ist der Werbeeffekt für die Sponsorenfirmen tatsächlich so groß, dass sie anstandslos den Ersatz heranschaffen? Vielleicht, sagt meine Kollegin, boykottiert ja jemand das Unternehmen aufgrund ähnlicher Überlegungen bezüglich Aufwand und Zweck, indem er die Markenschuhe und -klamotten klaut, verscheuert und das Geld an die Kinderkrebshilfe spendet? Naja, das glauben wir nicht wirklich, aber auch diese Lösung erscheint irgendwie effektiver als diese Wanderung...
C. möchte bei seiner Reise auch Spenden für krebskranke Kinder einwerben, steht übrigens diesmal im Text. Das klingt so relativ. Hält sich der bisherige Erfolg in Grenzen? Warum?
Im Jahr 2003 machte C. übrigens mit einem Lauf von Basra nach Bagdad (rund 500 Kilometer) auf die Leiden der irakischen Kinder im Krieg aufmerksam und lief überhaupt noch für viele andere human projects. Grundsätzlich finde ich die Idee schön, durch eine so simple Sache wie das Laufen ferne Orte miteinander zu verbinden und die Menschen hier und dort auf etwas aufmerksam zu machen. Und wenn C. damals seinen Irak-Lauf mit der Kamera begleiten ließ, konnte er die Situation vor Ort erschreckend hautnah wiedergeben. (Ich weiß nicht, ob er das getan hat.)
Nur die Finanzierung lässt mich grübeln... Ich las, dass C. zu einem der Läufe von einem Tourismusverband geworben wurde. Tourismusverbände arbeiten hauptsächlich mit Geldern aus kommunalen Abgaben und mit Fördergeldern, glaube ich mal gehört zu haben. Und so ein Lauf muss organisiert werden – kostet das nicht auch was?
Uns würde nun wirklich interessieren, wie viel Geld durch die Wanderweltreise eingenommen wird, wie das organisiert wird, wer das verwaltet, wo das dokumentiert wird. Vielleicht gibt´s ja eine Website dazu. Oder wir abbonieren eine Sonderbeilage der Tageszeitung mit einem wöchentlichen Rapport. Denn sicher wird die Presse diese Sache genauestens im Auge behalten, wie alles, was zu den eigentlichen Problemen dieser Welt gehört. Wie krebskranke Kinder. Hoffen wir mal.

Zum Wetter.

Mein Alltag ist mir momentan so lästig, dass ich ihn nicht wiederkäuen möchte. Worüber schreibt man also? Über´s Wetter, na klar.
Eigentlich bringt diese Wärme meinen ganzen Biorhythmus durcheinander. Wir haben Januar, es sollte knisterkalt sein, so dass ich meine Kuhohren tragen müsste. Statt dessen entdeckte ich gestern blühende Forsythia und einen rosafarbenen, wunderbar duftenden Winterflieder – sein Duft erinnert tatsächlich an Flieder, aber er blüht immer im Januar/Februar, sagte man mir. Trotzdem scheint es Frühling zu werden. Denn die Maulwürfe buddeln sich beim Frühjahrsputz nach oben. Und heute morgen in den Grünanlagen der Stiftung (dort, wo man den Verkehr von der Hochstraße nicht mehr so laut hört) warb ein Amselmännchen darum, erhört zu werden. Für einen tiefen Atemzug lang, bei dem die milde Luft roch und schmeckte wie ein Abend im herbstlichen Portugal, wenn die Kühle aus den Wäldern schlich, war ich zufrieden. Gut, wenn man davon munter wird und sich später an diesen Moment wenigstens noch mit dem Kopf erinnern kann. Meine Nase hat´s schon wieder vergessen.

Donnerstag, 4. Januar 2007

Erster Arbeitstag.

Der erste Arbeitstag gestern war so mies, wie ich´s befürchtet hatte. Dabei hatte ich am Abend zuvor extra noch Kleiderschrank und Stubenbuffet aufgeräumt, um mein nagendes Gewissen, in meinem Urlaub so gar nichts ordentliches getan zu haben, zu beruhigen. Das Ergebnis war aber nur Müdigkeit und schlechte Laune, weil der Urlaub so noch schneller zu Ende war.
Erster Arbeitstag also. Meine Schuhsohlen gingen gleich auf dem Weg zum Büro wieder flöten. Elastischer und trotzdem bombenfester Gummikleber, dass ich nicht lache. Die (wirklich nette!) Kollegin wollte gleich um acht Uhr morgens alles über Weihnachten und Silvester wissen (zum Glück sparte sie sich die Frage nach meinen guten Vorsätzen, davon halte ich nämlich gar nichts). Ich blieb wortkarg und versuchte, wach zu werden. Gegen halb zehn erinnerte mich Outlook an einen Termin bei meinem GIS-Guru. Auch das noch. Den hatte ich glatt verdrängt. Meine Laune sank ins Bodenlose, denn jetzt musste ich wirklich mein Hirn einschalten.
Der Termin zog sich dann auch, unterbrochen nur von einer Mittagspause beim China-Imbiss, bis 16.30 Uhr hin. Mit rauchendem Kopf und nassen Füßen kaufte ich noch Lebensmittel auf dem Heimweg, denn die Nichte rückt ja heute wieder an: Grapefruit, weil wir die beide mögen, und Hähnchenfleisch/Zucchini/Paprika für den heißen Stein, damit Nichte einen lecker-tröstlichen Abend verleben kann. Die Arme. Hoffentlich bringt sie die Wohnungsannoncen mit, die ich ihr ausgedruckt habe. Das Semester startet bald, und Horden von Studenten werden sich auf die kleinen 1+2-Raum-Wohnungen stürzen. Wir müssen handeln, auch wenn ihr Mietvertrag erst Ende März ausläuft.
Im TV lief abends ein Film über König Löwenherz und einen Kinderkreuzzug. Der Film war nicht wirklich gut, aber das Thema interessierte mich. Und ich mag Gabriel Byrne.
Eben las ich etwas über die Kinderkreuzzüge bei Wikipedia: „Im Kinderkreuzzug sollen, so berichten Stadtchronisten, im Juli des Jahres 1212 zwischen 7.000 und 25.000 Kinder, aber auch Erwachsene, von Köln und gleichzeitig von Lothringen zu einem Kreuzzug ins Heilige Land aufgebrochen sein. Der Anführer soll ein charismatischer Kölner Junge namens Nikolaus bzw. in Frankreich ein Junge namens Stephan gewesen sein, der auf seinem Zug immer mehr Menschen mitriss.“ Ich hatte den Begriff schon irgendwo gelesen, aber bisher keine Ahnung, was da passiert war. Oder angeblich passiert war, denn die Quellen zu den Kinderkreuzzügen sind dürftig. Aber das Thema ist spannend. Mal sehen, was ich noch dazu finde.
Erstmal muss ich allerdings arbeiten – die geistigen GIS-Ergüsse (ErGISse, haha) in eine Präsentation zwängen. Denn mal ran.

Montag, 1. Januar 2007

Prost Neujahr.

Silvester war... hm... ruhig. Aber nicht wirklich entspannt. Ich war nicht entspannt, weil ich Kopfschmerzen hatte. Das ist blöd, weil man, wenn man Alkohol trinken will (und das hatte ich vor), keine Medikamente nehmen kann. S. und M. waren nicht entspannt, weil ihnen ihre Kids auf den Geist gingen (oder eigentlich: gehen). Die Kids waren nicht entspannt, weil sie sich langweilten. Denn die Idee, allerlei auf dem heißen Stein zu brutzeln, stellte sich als schlechte Wahl heraus: Während die Erwachsenen schwitzend damit beschäftigt waren, das Fleisch nicht anbrennen zu lassen, hatten die Kids keine Beschäftigung. Der einzige, der entspannt war, war mein Freund H. – er futterte, bis nichts mehr reinging. Und das dauerte wirklich lange. Ruckzuck war es zwölf. Anstoßen, Kids auf der Straße Knaller gucken lassen, paar Glückwunsch-SMS verschicken, noch Weilchen warten, bis die Knallerei draußen deutlich nachgelassen hatte, und dann ab nach Hause.
Gegen zwei lagen wir im Bett. Die Schmerztablette wirkte dann auch. Gegen drei knallten paar Halbwüchsige ohne Zuhause unten auf der Kreuzung immer noch herum. Schön regelmäßig alle drei Minuten ein Knallfrosch. Als ob diese Sadisten dabei auf die Uhr sahen: Alle Anwohner eindösen lassen – und jetzt der nächste Knall! Während die Adern in meinen Schläfen immer heftiger pulsierten, stellte ich mir vor, wie ich aus dem Fenster brüllte, sie sollten heimgehen und irgendwen ins neue Jahr vögeln oder sich mit sich selbst beschäftigen, anstatt uns vom Schlafen abzuhalten. Aber H., der die Jungs vom Balkon aus sehen konnte (als er eine rauchen ging - wach waren wir ja ehwieso), meinte, die drei hätten wohl nichts zu vögeln, die führen noch Fahrrad. Ich überlegte, ob ich anonym die Polizei anrufen sollte, mit der Ausrede, dass von irgendeinem Laden gerade die Schaufenster eingeschmissen werden. H. sagte aber, dass die Bullen jeden Anruf aufzeichnen würden und zurückverfolgen könnten, nix mit Anonymität also. Also träumte ich laut von einem Gewehr mit Präzisionszielfernrohr oder so was. H. schlug eine Schrotflinte vor: reicht weit und streut gut, was die Trefferquote erhöhen würde. Kichernd malten wir uns aus, wie wir (wenn wir die Knallköppe kennen würden) morgen alle halbe Stunde bei denen anriefen, während die versuchten, auszupennen. Oder (noch besser!) lautlos und unbemerkt ein Nebenhorn neben ihrem Bett installierten, was wir alle halbe Stunde per Fernbedienung einschalten könnten. Mmmööööööp!
Als die Typen um halb vier endlich abzogen, bollerte unten bereits irgendein Zeitungslieferant vorbei... Allen ein gutes neues Jahr!