Dienstag, 4. Dezember 2007

Bruno



Bruno
* 2. Juli 1999
† 3. Dezember 2007

Stop all the clocks, cut off the telephone,
Prevent the dog from barking with a juicy bone,
Silence the pianos and with muffled drum
Bring out the coffin, let the mourners come.

Let aeroplanes circle moaning overhead
Scribbling on the sky the message: He Is Dead,
Put crepe bows round the white necks of the public doves,
Let the traffic policemen wear black cotton gloves.

He was my North, my South, my East and West,
My working week and my Sunday rest,
My noon, my midnight, my talk, my song;
I thought that love would last for ever: I was wrong.

The stars are not wanted now: put out every one;
Pack up the moon and dismantle the sun;
Pour away the ocean and sweep up the wood.
For nothing now can ever come to any good.

Wystan Hugh Auden

Donnerstag, 1. November 2007

HP7

Letzten Samstag kam er, der neue, der letzte Harry Potter. Gestern gegen elf Uhr hatte ich ihn durch. Und nun? Was mache ich ohne Harry? Fange ich noch mal an zu lesen, so richtig von vorn ab Band 1? Aber da war Harry noch so klein, und die ersten Bände habe ich auch schon mehrmals gelesen. Oder lese ich ab Band 6 noch mal? Ab dem Band wurde es nämlich erst so richtig düster. Aber das ist mir nicht weit vorn genug, da kriege ich nicht genug Abstand zum letzten Band... Verzwickt, fürwahr... Wie kriege ich denn Abstand, außer dass ich erst mal was Banalreales lese, wie einen der unzähligen Frauenkitschromane, die sich badewannengriffbereit auf dem Sims über meinem Klo stapeln? Reflektieren wir doch mal über HP7 – was hat mir gefallen und was nicht?
Gefallen hat mir der letzte Satz: Alles ist gut. Ein anderes Ende hat sich sicher kein HP-Fan gewünscht. Angst hatten wir ja alle, dass Harry stirbt, oder Ron oder Hermine. Oder Ginny. Aber im Epilog leben sie alle, sind alle miteinander verheiratet (also mit jeweils genau dem richtigen Partner, das ist schon fast zu schön) und haben eine Menge Kinder, die teilweise schon selbst Hogwarts besuchen. Die Option für Fortsetzungen...?
Die Enthüllungen über Snape waren für mich nicht überraschend, aber sehr rührend. Und sein Hass auf Harry wurde verständlich. Der dann doch nicht so groß war.
Sehr gelungen fand ich auch die finale Schlacht zwischen Harry und Voldemort. Wie Harry ihn mit gut gezielten Worten provozierte und ihn klein machte und dabei doch nicht böse war. Und wie er ihm letztlich seinen eigenen Fluch auf den Hals schickte, mit dem Zauber, der nun doch zu seinem Markenzeichen geworden war: Expelliarmus! Ich entwaffne dich und besiege dich ohne Gewalt. Schönes Bild.
Ja, es gab einiges, was spannend, atemberaubend, fesselnd war in diesem Band. Aber es gab auch Passagen, die lang waren, zu lang. Die ziellose Wanderung der drei Protagonisten, weil sie nicht wussten, wo oder was sie suchen sollten. Darüber wurden Nebenhandlungen (was machten die Schüler in Hogwarts zu dieser Zeit genau?) vergessen, erst später in Gesprächen kurz umrissen (als Neville erzählte).
Einige Kleinigkeiten störten mich. Die arme Hedwig stirbt in ihrem Käfig, gleich nachdem Harry aus dem Ligusterweg geholt wird – sie stirbt schmollend, mit einem einzigen Kreischer, ohne dass sie und Harry wenigstens noch einen liebevollen Blick getauscht haben! Vor dem großen Kampf taucht Percy auf, der bis hierhin ein überzeugter Anhänger des Ministeriums war – mit der lahmen Begründung, er wäre schon seit einiger Zeit nicht mehr so überzeugt... und hätte Kontakt mit Aberforth Dumbledore aufgenommen. Woher kannte er ihn? (Hab ich was überlesen?) Statt ihm (er wäre so ein passendes Opfer gewesen!) stirbt dann Fred Weasley in der Schlacht... Dann knutscht Hermine (im größten Schlachtgetümmel) Ron, weil er an die Elfen in der Küche denkt – und über aller Knutscherei vergessen sie dann doch, die Elfen zu warnen. Natürlich biegt Mrs R. das wieder gerade, indem sie zum Schluss die Elfen selbstbestimmt in den Kampf eingreifen lässt. Aber es passt nicht zur sonstigen Detailverliebtheit von Mrs R.!
Auch am Ende blieben für meinen Geschmack zu viele Fragen offen: Was wird aus Luna und der Romanze, die sich zwischen ihr und Dean andeutete? Wen hat Draco Malfoy geheiratet? Wie hat George den Verlust seines Zwillings verkraftet und führt er das Zauberscherzartikelgeschäft allein weiter? Und die wichtigste Frage: Wie war das Wiedersehen zwischen Harry und Ginny nach dem ganzen Abenteuer? Das alles überspringt Mrs R. und überlässt es dem Leser, sich etwas zurecht zu phantasieren. Oder plant sie doch eine Fortsetzung, vielleicht mit dem jungen Albus Potter im Mittelpunkt, dem Lieblingssohn von Harry, der solche Angst hat, nach Slytherin zu kommen? Es bleibt spannend!

Dienstag, 23. Oktober 2007

Die Büromaus.

Sie war heute noch nicht da. Und ich mache mir Sorgen deshalb. Sie ist doch noch so klein!
Gestern besuchte sie uns das erste Mal. „Eine Maus, eine Maus!“, riefen wir alle ganz aufgeregt beim Frühstück. Obwohl wir wussten, dass in den letzten Wochen schon in mehreren Büros Mäuse gesehen worden waren, waren wir überrascht, dass die Maus sich so furchtlos bei heller Beleuchtung zeigte.
Zuerst wuselte sie im Vorzimmer am Schrank entlang, dann huschte sie in den Spalt zwischen Schrank und Wand. Dort saß sie, ganz still, und ließ sich in Ruhe betrachten. Na ja, viel konnten wir nicht sehen von ihr, ein Knäuelchen dunkles Fell mit einem Schwänzchen, lang und dünn wie ein Schnürsenkel.
Ein paar Minuten später, wir saßen noch am Tisch, sahen wir das Mäuschen durch´s Vorzimmer in Richtung Fenster flitzen. Kurze Zeit später tauchte es im Frühstücksraum auf, gleich neben der Tür. Offenbar gibt es genug Löcher hinter den Scheuerleisten des alten Gemäuers, in dem wir arbeiten, denn durch die Tür war sie nicht gehuscht. Jetzt trippelte die Maus – nein, sie hoppelte! – hinter den Kartenschrank und machte sich´s dort gemütlich. Eine Weile sahen wir nichts von ihr. Bis es ihr offenbar selbst zu langweilig wurde hinter dem Blechschrank und sie gemütlich durch die offene Tür wieder in den Vorraum lief. Dort setzte sie sich unter den Garderobenständer und ließ sich besichtigen, ehe sie wieder hinter den Schrank huschte. Dann war eine lange Zeit nichts von ihr zu sehen, bestimmt eine halbe Stunde. Die Kollegin, die vom Flur hereinkam und der wir aufgeregt von der Besucherin erzählten, rief jedoch plötzlich: „Na, da ist sie doch! In deinem Büro!“ Tatsächlich saß die Maus in meinem Büro neben dem Kühlschrank und sah uns irgendwie erwartungsvoll an. Als ich auf sie zuging, flitzte sie hinter den Schrank, hinter dem ich das Loch zum Nachbarzimmer vermutete.
Ich brach ein Stückchen Brot vom Rest meines Frühstücks ab und legte es auf den Boden, dicht an der Wand. Nach einigen Minuten lag das Brot jedoch immer noch da, und ich vermutete bedauernd, dass die Maus zurück in andere Büros gewandert war.
Trotzdem beobachtete ich, an meinem Schreibtisch sitzend, die Stelle mit dem Brotkrumen. So kam es, dass ich nur aus den Augenwinkeln ein Huschen wahrnahm, dicht neben meinem Stuhl. Es war tatsächlich die Maus! Sie war durch den großen freien Raum bis unter meinen Schreibtisch gelaufen und wuselte jetzt ein bisschen planlos um meine Füße herum. Ich wagte kaum zu atmen. „Guck mal!“, rief ich meiner Kollegin leise zu und nickte nach unten. Meine Kollegin beugte sich unter den Tisch und quiekte entzückt, denn die Maus reckte sich gerade am Stuhlbein nach oben und schaute mich mit ihren schwarzen Marienkäferpunktaugen an. Ganz klein war sie, viel kleiner als andere Mäuse, fast kugelrund und glänzend dunkelgrau. „Ich glaube, die hat Hunger oder Durst“, sagte ich zu meiner Kollegin. Die Maus war inzwischen weitergetippelt und saß jetzt einige Meter von mir entfernt an der Wand. Vorsichtig stand ich auf (die Maus huschte hinter einen Schrank), holte einen flachen Deckel aus dem Schrank und goss Mineralwasser hinein.
Die Maus war unterdessen wieder hervorgekommen und tänzelte, immer an der Wand lang, bis unter die Heizung. Dort setzte sie sich auf die Scheuerleiste und rührte sich nicht, obwohl wir ganz dicht an sie herangingen. Sie zuckte ein bisschen, als wäre sie außer Atem. „Die hat wirklich Durst“, glaubte ich und stellte den Deckel auf den Boden. Das Brotstückchen legte ich daneben. Die Maus guckte uns nur an, dann begann sie, sich zu putzen. Das war wirklich putzig! Ich holte mein Handy und schoss ein Foto. Natürlich war die Auflösung zu schlecht und natürlich hab ich keine Ahnung, wie ich das Bild vom Handy runterkriegen soll – aber man kann erkennen, dass es eine Maus ist, was da hockt. Müsst ihr einfach glauben.
Gerade als ich mein Foto herumzeigte, war die Maus zum Wasserdeckel getrippelt und hatte getrunken. Wahrscheinlich war sie wirklich durstig gewesen. Dann schnappte sie sich den Brotkrumen und flitzte wieder hinter einen Schrank. Dort saß sie und knabberte konzentriert. Mittlerweile standen fünf-sechs Kollegen bei uns im Zimmer, die Chefin verkündete huldvoll, dass wir die Maus behalten könnten, solange sie nicht stank, und wir begannen, einen Namen für sie auszusuchen. Eine Kollegin hatte einen Schokoladenkeks geholt und legte ihn neben den Deckel. Die Maus kam sehr zögernd hervor (wahrscheinlich waren es ihr nun doch zu viele Menschen) und nagte an der Schokolade, ganz gezielt. Dann sauste sie in eine andere Zimmerecke und war verschwunden. Den restlichen Tag lang.
Der Keks war es heute Morgen auch, und zwar restlos. Nicht ein Krümelchen lag mehr auf dem Boden. Ich hatte von zu Hause ein paar Haferflocken und Möhrenstückchen mitgebracht (die Kleine soll ja auch was Gesundes essen). Aber mittlerweile ist die Möhre verschrumpelt und auf den Haferflocken lagern erste Staubflusen. Die Maus kommt nicht. Und ich mache mir Sorgen deswegen. Nicht jede der Kolleginnen steht auf Nager, das Wort „Mausefalle“ fiel schon öfter. Ob ihr etwas zugestoßen ist? Sie ist doch noch so klein!

K.

Eben brachte es der Buschfunk: K. ist tot. Eilfertige Kollegen hasten durch die Gänge und berichten allen: Er hat sich erhängt. Gestern am Nachmittag, nach fünf Wochen Krankschreibung.Dass er hier gelitten hat, wusste eigentlich jeder. Im alten Kreis war er Systembetreuer, im neuen Kreis war er das nur noch auf dem Papier. Die Kollegin, die das „schon immer gemacht hat“, ignorierte Kooperationswillen und Engagement und ließ ihn nur mitlaufen, glaubt man Beobachtern. Er hatte sich darüber beschwert, sagen sie, langsam und leise, wie es seine Art war. Denn ein Mann großer Gesten, wie sie in Verwaltungen üblich sind, war er nicht.
K. war ruhig, schüchtern eigentlich, irgendwie steif. Und er lächelte nur selten. Aber wenn, dann zog sich sein Lächeln in hundert kleinen Fältchen bis hoch in die Stirn, und ich musste zurückgrinsen. Wir besuchten einige Monate lang zusammen einen Verwaltungslehrgang. Damals mochte ich ihn nicht besonders. Er war meist schweigsam und unbeholfen, wenn er redete. Seine bedächtige Wortwahl und seine schleppende Aussprache kennzeichneten ihn als „einen vom Dorf“. Und ich bildete mir ein, nichts zu wissen, worüber ich mit ihm reden könnte. Er selbst schien zu ahnen, wie er auf andere wirkte, aber mit einer fast sichtbaren Tapferkeit, die man nur erkennen konnte, wenn man darauf achtete, wie persönlich er jemanden ansprach, suchte er Kontakt.
„Na, Bellis?“, sagte er immer, wenn er mich im Fahrstuhl traf, und dabei neigte er seinen Kopf mit der Popeline-Schirmmütze zu mir runter, „bald wieder Wochenende, Jottseidank, woa? Is alles beschissen hier. Un? Haste was vor?“ Und ich erzählte ihm, dass ich ins Ballett gehen wollte, zu „Amadeus“, das zweite Mal. „Hört sich jut an“, meinte er, „sollte man viel öfters machen. Is ja jar nich so weit bis in die Stadt rein. Un? War jut, hm? Na mal guggen, vielleicht jehe ich ja ooch mal hin.“ Dann erzählte er noch, dass er Karten gekauft hatte für ein großes Event demnächst. Ich habe vergessen, was es war, etwas Pompöses wie „Lord of the Dance“ ist mir vage in Erinnerung. Er schien sich darauf zu freuen, vielleicht nur, weil seine Frau sich dafür begeisterte oder weil es eine Abwechslung zu seinem verhassten Alltag war.
Meine Chefin schwebt durch alle Räume, mit todernster Miene, und verkündet ihren Schock. Ich glaube ihr, denn sie hat K. lange gekannt. Sie fasst zusammen, was die Kollegen laut und in vielen Worten überlegen lässt, wieso K. das getan hat und ob seine Kindheit im Heim daran schuld war und dass er ja wahrscheinlich immer Depressionen gehabt hatte und deshalb in Behandlung war, dass man das jetzt aber kaum glauben könne und dass es so weit nicht hätte kommen dürfen… „Hätten wir was dagegen tun können?“

Mittwoch, 17. Oktober 2007

Frauen sind Schweine?

Lange nichts gebloggt. Melde mich heute mit einem aktuellen Thema zurück in der Öffentlichkeit: Das säuische Verhalten von Frauen auf öffentlichen Toiletten.
Es wird ja öfter behauptet, Frauen seien in Punkto Hygiene die größeren Schweine, im Vergleich zu Männern. Zumindest bei der Verrichtung dringender Bedürfnisse muss ich das leider bestätigen.
Die 3-häusige Toilette des Bürogebäudes, in dem ich arbeite, teilen sich etwa 20 Zimmer, in denen ca. 30 Frauen sitzen (grob geschätzt). Ich selbst suche an einem Arbeitstag etwa 3 bis 4 Mal das stille Örtchen auf. Und erlebe immer wieder unliebsame Überraschungen. Eine der drei Kloschüsseln ist garantiert beschmutzt! Entweder finde ich braune Streifen auf dem Grunde oder die Brille ist gelb gesprenkelt. Beides lädt nicht gerade zum Verweilen ein.
In einem schottischen Hotel, welches auch von Monteuren frequentiert wurde, hatte der Wirt auf der Unisex-Toilette ein Schild angebracht:

If you sprinkle
when you tinkle
take heed
of take a seat!

Gern würde ich einen ähnlichen Spruch hier anbringen (natürlich in Deutsch), doch muss ich befürchten, dass eine der Übeltäterinnen meine Chefin oder eine andere hochgestellte Dame ist. Dämlich ist es nämlich auf jeden Fall, das Klo, auf dem frau öfter hockt als auf ihrem heimischen, derart zu beflecken. Deshalb!

Liebe Mitbenutzerinnen
schlimm sieht´s oftmals aus hier drinnen
schmutzig, eklig, säuisch, hässlich
es erscheint mir unerlässlich
diesen Zustand zu beschildern
in entsprechend grellen Bildern:

gelbe Flecken, schwarze Locken
häufig auf der Brille hocken
braune Streifen und auch Flecken
findet man tief drin im Becken
drumherum weichen Papiere
ebenfalls voller Geschmiere

ist´s denn wirklich so beschwerlich
sich zu setzen auf die herrlich
arschbequeme Plastikbrille
statt zu hängen seine Rille
über das Toilettenbecken
und es, wackelnd, zu verdrecken?

seid ihr wirklich so von Sinnen?
seid ihr Nestbeschmutzerinnen?
merkt ihr nicht, dass ihr die Klause
öfter nutzt als die zu Hause?
um nicht im Morast zu waten
will ich euch paar Tricks verraten:

für die extra große Würste
gibt es die Toilettenbürste
wirklich nur für diese Zwecke
steht sie hinten in der Ecke
nutzt sie mal! es ist nicht schwierig
und das Klo bleibt so nicht schmierig

gibt es doch mal eine Spritzung
trotz gewissenhafter Sitzung
nehmt Papier, davon gibt´s dicke,
und verwischt die Missgeschicke
spült danach recht viel und lange
Chef zahlt Rechnung – keine Bange!

keine von euch, das denk ich mir
hält sich für ein Borstentier
doch müsst ihr euch Mühe geben
andernfalls könnt ihr erleben
dass man(n) sehr schnell urteilt: Frauen
zähl´n ins Tierreich – zu den Sauen!

Dienstag, 5. Juni 2007

Der Bittergreis.

Heute war ein alter Mann bei mir im Büro, der das letzte mal vor ca. 5 Jahren hier aufgetaucht ist. ´Der lebt ja immer noch!`, durchfuhr es mich, und ich fühlte, wie meine Kiefermuskeln verblüfft erschlafften.
Noch nie hat irgendjemand hier in der Verwaltung begriffen, was diesen Mann so rastlos macht. Alle paar Wochen oder Monate oder eben Jahre schleicht er sich an der Rezeption vorbei, klopft ziemlich wahllos an Bürotüren, und wenn ihm jemand aufmacht und fragt, wie ihm zu helfen sei, redet er sich ein paar Stunden lang seinen Frust von der Seele.
Er ärgert sich einfach über alles! Er bringt oft, mit winziger krakeliger Altmännerhandschrift auf kariertem Papier geschriebene, fünfzigseitige Konzepte mit: über Einsparmöglichkeiten beim Autobahnbau, über Ökopools, über vergiftete Tagebaurestseen... Dabei kommt er jedoch nicht auf den Punkt seines Anliegens – man erfährt einfach nie, was er eigentlich erreichen will und wie man ihm dabei helfen könnte. Denn immer, wenn er an einer Stelle ist, an der er eigentlich mal eine prima Lösung präsentieren könnte, schweift er in seine Vergangenheit ab, die er offenbar nicht verkraftet hat.
Dann klagt er, und sein Gesicht glänzt schweißnass vor Opferbereitschaft, dass er zu DDR-Zeiten nicht promovieren durfte, weil er eigentlich katholischer Mönch werden wollte. Er hat früher nämlich im Bergbau gearbeitet, war dort für Rekultivierungsplanung zuständig. Als er damals ein Computerprogramm für Ersatzflächenverwaltung vorstellen wollte, hat man ihn nicht ernst genommen, weil er selbst keinen PC bedienen konnte. Dabei ist sein Sohn Programmierer, und in seinem Haushalt herrscht eben Arbeitsteilung. Er war ja auch lange arbeitslos, und damit ihm da nicht die Decke auf den Kopf fiel, hat er eben aus Spaß Autobahntrassen und Straßen geplant. Denn er kennt sich aus. Früher hat er in der Stadtplanungskommission mitgearbeitet. Und durch seine Parteizugehörigkeit weiß er immer noch über alles Bescheid. Erst letzte Woche hat er mit dem Regierungspräsidenten gesprochen, und heute mit der Dezernentin. Und dem Staatssekretär hat er sein Konzept auch geschickt. Denn den Untertanen von Edmund Stoiber könne man es doch wirklich mal zeigen! Die haben doch dort unten glatt eine S-Bahn-Strecke geplant und viel zu viel Geld für Tunnel ausgeben müssen. Denn da wären doch im Karstgestein plötzlich Höhlen aufgetaucht! Ha! Er war dort ganz in der Nähe im Internat, und jeder Grundschüler wusste damals, dass Karst von Hohlräumen durchzogen ist. Aber von der Bergbau-Verwaltungsgesellschaft hat er nie ein Antwortschreiben bekommen. Nur eine freche Antwort auf einem Symposium, als er nach dem Sanierungskonzept für den neuen See gefragt hat. Aber da hat er zurückgebrüllt, denn mit 73 muss er nicht mehr höflich sein. Jetzt will er zwar nicht mehr promovieren, aber auf den Besuch von Hedwig Klapperbein will er sich auch noch nicht vorbereiten. Nur seine Frau, die will, dass er sich um den Garten kümmert, statt herum zu spinnen. Deshalb richtet sie ihm nicht aus, wenn der Bürgermeister oder der Landrat angerufen haben. Es ist also besser, ihm ein Kärtchen zu schicken, das käme dann schon an. Er kennt die Herren im Ministerium und in der Landesverwaltung, jaja! Und neben seinem Garten wohnt gleich der Herr X vom Umweltamt, und in dessen Bibliothek sitzt er, wenn es regnet...
Erst das Versprechen meiner Chefin, sein Konzept auf jeden Fall als nützliche Anregung bei unserer weiteren Arbeit zu verwenden, komplimentierte ihn aus dem Zimmer. Ich fürchte mich wirklich davor, auch mal so zu enden: Verbittert und mit dem Gefühl, überall nur in den Wind zu reden. Ungebraucht und unbrauchbar.

Donnerstag, 24. Mai 2007

Vom Babyboom und dem Nachholebedarf ostdeutscher Frauen.

Aus den Medien, in Form des Lokalsenders und der regionalen Presse, ereilte mich gestern die Meldung, dass in Sachsen-Anhalt ein Babyboom zu verzeichnen ist. Besonders Krankenhäuser in Halle und Magdeburg erleben derzeit diesen Geburten-Boom. Als Hauptgründe nannte der Chefarzt der Geburtshilfe am Perinatalzentrum Halle, Sven Seeger „das Elterngeld, eine gewisse Entspannung am Arbeitsmarkt sowie den Nachholeeffekt der ostdeutschen Frauen“ – im Radio war sogar von NachholeBEDARF die Rede. Hallo?! Was haben wir denn bitteschön nachzuholen?? Wir hatten in der DDR sowohl Kinder als auch die passenden Kinderbetreuungseinrichtungen, ausreichend und bezahlbar! Und FKK-Strände hatten wir auch. Und sogar Sex. Das mag mancher Wessi zwar nicht glauben angesichts solcher neudeutschen Errungenschaften wie dem nach der Wende ins Leben gerufenen „Verkehrsprojekt Deutsche Einheit“ (nach allgemeinem westdeutschen Glauben natürlich nur vom Wessi solifinanziert) – aber doch! wir hatten Sex! Sonst wäre die DDR schon viel früher ausgestorben. Eigentlich waren wir also gar nicht so unfrei, wie wir nach der Wende dachten. Was also haben wir ostdeutschen Frauen nachzuholen? Falls Herr Seeger meinte, dass die Ossi-Frau nach der Wende aufgrund der Jobsituation oftmals mehr ihren Mann im Berufsleben stehen musste als mancher (eventuell sogar arbeitslose) Ehemann und deshalb ihrer wahren mütterlichen Berufung nicht folgen konnte und auf Kinder verzichtete, kann ich nur schreien: „Heilige Eva! Da glaubt tatsächlich wer an dich!“ Die ostdeutsche Frau kann also endlich im trauten Heim ver(lang)weilen, zurückgekehrt an den Herd, das Kinderbett und die Waschmaschine, während sie sich früher durch die Doppelbelastung zweier Jobs quälte – als Erwerbstätige und Mutter – und dabei so scheißgleichberechtigt dem ostdeutschen Manne war! Und damit den Wessi-Frauen überlegen? Haus-und-Heimchen-hoch? Da existieren noch genug innerdeutsche Grenzen, finde ich, nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch zwischen Mann und Frau – und die werden von den Medien schön hochgemauert, damit ja nicht zusammen wächst... und auch nichts vernünftiges aufwächst. Das einzige, was ostdeutsche Frauen zur Zeit nachholen, ist das langvermisste Gefühl, von einem kinderfreundlichen Staat unterstützt zu werden. Denn wir hatten ja nichts – davon! in den vergangenen 18 Jahren!
Nachsatz: Auf der Website der regionalen Presse wurde übrigens der Artikel gegenüber der Printausgabe vom Morgen geändert. Mit Stand vom 23.05.07, 20:21h, werden als Hauptgründe für den Babyboom nun genannt: „das Elterngeld, eine optimistische Grundstimmung in der Wirtschaft sowie die Aussicht auf einen Rechtsanspruch beim Krippenplatz.“ Ach... Nachholebedarf doch schon gestillt? Oder nur Aussage gekillt? Haha. Tja, aber auch hier werden die Mütter statt der Babys eingewickelt. Laut dem WDR.DE werden Eltern nämlich auch in Zukunft keinen Krippenplatz für unter Dreijährige einklagen können. Der Gesetzentwurf von Bundesfamilienministerin Renate Schmidt zur Kinderbetreuung sieht zwar vor, dass die Kommunen verpflichtet werden, den Bedarf an Krippenplätzen zu decken und dafür 1,5 Milliarden Euro pro Jahr erhalten, jedoch „war ein einklagbarer Rechtsanspruch nie vorgesehen“, sagt Christine Mühlbach vom Bundesgesundheitsministerium zu WDR.DE. Derzeit ist ein Rechtsanspruch auch gar nicht umsetzbar, weil es einfach nicht ausreichend Krippenplätze gibt, um den Bedarf zu decken. In Westen bestehen nur für 2,7 Prozent der unter Dreijährigen Krippenplätze, im Osten immerhin 37,8 Prozent. Erst ab 2013 sollen Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder unter drei Jahren haben. Tja, das nützt dann den derzeitigen Boombabys auch nichts mehr – die sind dann schon sechs Jahre alt und wahrscheinlich Einzelkinder, weil ihre ostdeutschen Mütter die Nase vom heimeligen Nachholen voll haben und sich wieder beruflich emanzipieren!

Montag, 21. Mai 2007

Heiße Luft?

Auch ein heißes Thema ist ja derzeit die KLIMAKATASTROPHE. Obwohl noch nicht endgültig geklärt ist, was den zu beobachtenden Klimawandel verursacht, wird erst mal pauschal Panik gemacht. Naja, besser spät als nie – und sicher ist sicher ... kann noch einiges für den Schutz der Umwelt getan werden!
Allerdings kommt mir persönlich die Klimaerwärmung sehr entgegen. Ich friere oft, mag keinen Schnee und ertrage Temperaturen über dreißig Grad ganz gern und gut. Womit ich jetzt nicht sagen möchte, daß ich aktiv zu einer wärmeren Welt beitrage, nein nein... Aber ich wollte schon immer am Meer wohnen! Wenn jetzt die Polkappen abschmelzen, stehen meine Chancen auch hier in Mitteldeutschland gar nicht schlecht. Ostseestrand bis an den nördlichen Harzrand... hach ja...
Aber egal ob natürliche Warmzeit oder anthropogener Wetterwechsel - eins finde ich beruhigend: Die nächste Eiszeit erlebe ich nur auf der Zunge.

Dicke Luft?

Zur Zeit haben wir ja zwei heiße Themen, die die Deutschen bewegen. Zum einen den Klimawandel, zum anderen die Fettsucht der Deutschen. Denn angeblich bewegt die Deutschen nämlich nichts – bzw. sie bewegen sich nicht. Galt der Deutsche früher als fleißig und arbeitsam, schlägt jetzt wohl die sprichwörtliche deutsche Gemütlichkeit zurück. Der gemeine Deutsche mausert sich zum Sesselfurzer, wahlweise zur Couchkartoffel. Mit Hilfe von Süßigkeiten, Kartoffelchips und reinem deutschen Bier hat er sich auf den ersten Platz der dicksten Europäer gefuttert. Damit sind wir jetzt genauso fett wie die Amerikaner. Momentan gelten in Deutschland zwei Drittel der Erwachsenen als übergewichtig oder sogar fettleibig. Tatsächlich fallen mir in meinem Freundes- und Bekanntenkreis nur sechs oder sieben Leute ein, die schlank sind bzw. ihr Optimalgewicht halten. Alle anderen haben zu viel Speck auf den Rippen – und ich bilde keine Ausnahme.
Ernährungswissenschaftler warnen vor einer Diabeteswelle und fordern Politiker zum Handeln auf. Eine hilfreiche Maßnahme soll sein, die Mehrwertsteuer für Süßigkeiten von 7 auf 19 Prozent anzuheben. Das schlugen zumindest die Experten von CDU und SPD in ungewöhnlichem Einvernehmen vor: „Die Liste der unterschiedlichen Steuersätze auf Lebensmittel muss dringend komplett überarbeitet werden“, sagte die ernährungspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Ulla Heinen. „Dass auf Naschzeug nur sieben Prozent Mehrwertsteuer erhoben werden, ist nicht nachvollziehbar.“ Da gebe ich ihr Recht, denn mit dem ermäßigten Steuersatz von 7 Prozent sollen ja eigentlich Grundgüter und Produkte, die dem Gemeinwohl dienen, subventioniert werden. Eigentlich ist es wirklich nicht zu verstehen, dass Schokolade und Chips zur Grundversorgung gezählt werden, während Babynahrung, Mineralwasser und Arzneimittel mit 19 Prozent besteuert werden. Die SPD-Gesundheitsexpertin Elvira Drobinski-Weiß erklärte: „Ein ungesundes Essverhalten sollte auch finanziell unattraktiver gestaltet werden. Deswegen sollte für Knabberzeug und Süßigkeiten die volle Mehrwertsteuer gelten.“
An so eine Steuererhöhung traut sich wohl die Bundesregierung nicht so recht heran, wahrscheinlich hat die Ferrero-Lobby was dagegen... Stattdessen will die Regierung der deutschen Fettleibigkeit mit einem Fünf-Punkte-Plan zu Leibe rücken. Hurra und vorwärts zum X. Parteitag! „Zentrales Ziel ist es, bis 2020 das Ernährungs- und Bewegungsverhalten nachhaltig zu verbessern“, heißt es in dem Konzept, das von Ernährungsminister Horst Seehofer (CSU) und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) erarbeitet wurde. Da haben sich die beiden ihre Diäten ja mal mit ´nem passenden Thema verdient!
Nächste Woche soll das Konzept im Bundestag vorgestellt werden.
Zum Beispiel will die Bundesregierung den Verbraucher zukünftig besser vor Täuschung und Irreführung schützen, indem die Produktinformationen auf den Lebensmitteletiketten verständlicher und informativer gestaltet werden. Nur zu! Ran an die versteckten Fette und Zuckerzusätze! Und vergesst die Babynahrung nicht – auch wenn die schon mit gesunden 19 Prozent besteuert ist und ungesund bleiben könnte.
Die Regierung will sich außerdem in Zusammenarbeit mit den Ländern, Kommunen und Sportverbänden für mehr Bewegung im Alltag einsetzen. Nötig seien mehr Spielplätze, Fahrradwege und Parks. „Das Wohnumfeld muss so gestaltet sein, dass es genügend Bewegungsanreize schafft“, heißt es in dem Konzept. Ach, ich finde, es würde schon ausreichen, wenn die GEZ die Gebühren von derzeit 7 auf 19 Prozent anhebt, denn der Genuss der Medien gehört zu den subventionierten Grundbedürfnissen, unabhängig von Inhalt oder Qualität. Dabei stellt die Fernsehunterhaltung meist keinen Genuss dar. Ich glaube, der faule Deutsche würde schon rausgehen, wenn das TV-Programm nicht nur noch schlechter (kaum vorstellbar, hm?), sondern auch noch teurer werden würde.Und dann wollen Seehofer und Schmidt die Verpflegung in Kantinen, Krankenhäusern oder Seniorenheimen verbessern, indem als Ersatz für Süßigkeiten, Snacks und Softdrinks eben nur Mineralwasser, Tee, Obst und Gemüse angeboten werden. Ha!! Dann sollten die beiden aber auch dafür sorgen, dass Mineralwasser zukünftig wieder zu den Grundnahrungsmitteln gehört. Wasser und Brot macht Wangen rot... Bleibt am Schluss noch die Frage: wer stopft nach der Verschlankung der Deutschen das politische Sommerloch?

Montag, 14. Mai 2007

Händels Open? Händels Closed!

Seit 1952 finden jedes Jahr im Juni in meiner Wahlheimatstadt die Händelfestspiele statt. Herr G. F. Händel ist bekanntlich hier geboren worden. Seine großen Werke sind fernab von Halle entstanden... Bestandteil der Händelfestspiele sind seit einigen Jahren die sogenannte „Händels Open“ – dort werden Werke von Händel meist unklassisch durch Rockbands, Gospelchöre oder Jazz-Combos interpretiert. Da modern und abwechslungsreich und kostenfrei als eine Art Volksfest gestaltet, erfreuten sich gerade diese Freiluftaufführungen auf dem Marktplatz großer Beliebtheit. Es gab Bier und Biertischgarnituren und buntes Musikvergnügen in der ganzen Innenstadt. Aber die Stadt ist pleite und clever, weshalb sie auf die Idee kam, die „Händels Open“ von Volks- in Kammermusik zu verwandeln – closed handled! Seit zwei-drei Jahren wird also kurzerhand um den unteren Markt der Stadt ein hoher Bauzaun gezogen, der mit Planen verkleidet wird. Innerhalb des umzäunten Bereichs befinden sich die Tribüne für die zahlungsfähige Elite (Karten für Sitzplätze kosten um die 60 Euro) sowie Platz für zahlungswillige Musikbegeisterte mit hartem Hintern oder Stehvermögen (Karten je nach musizierendem Prominenten zwischen 15 und 35 Euro, ein Sitzplatz wird nicht garantiert). Außerdem natürlich die Bühne, die seitlich ebenfalls durch Planen abgeschirmt wird, damit ja kein Außenstehender einen Blick auf die Musiker erhaschen kann (und dennoch steht das Volk zahlreich, um zu lauschen!). Ich find´s heftig! Dieses Jahr werden Chris de Burgh (hm, na ja...) und Heinz Rudolf Kunze (oh ja! oh ja!) dabei sein. Letzteren hätte ich gern gesehen, aber 30 Euro für einen fragwürdigen Holzbanksitz- oder eben Stehplatz sind mir wirklich zu viel. Möglicherweise kaufe ich mir für das Geld zwei gute Flaschen Wein und ein paar Leckereien im „Deli“ und mache es mir mit meinem Liebsten auf dem Bordstein gemütlich. Der ist auch hart, aber gratis. Wer muss schon HRK unbedingt sehen? Musik soll man ja sowieso am besten mit geschlossenen Augen genießen.

Freitag, 27. April 2007

Kopfgespräche.

Kennt Ihr das? Wenn man sich im Kopf mögliche Dialoge für fiktive Situationen zurechtspinnt? Wie zum Beispiel neulich, als ich auf dem Heimweg war, mit dem Punk-Mädel, das so lustige geringelte Strümpfe zum pinkfarbenen karierten Rock (mit Spitzenunterrock!) trug. An ihrer Tasche baumelte, neben vielen Stickern, ein Mercedes-Stern. Ich fragte sie gedanklich, ob es ihr nicht auch unpassend vorkäme, so ein Statussymbol der Reichen und Möchtegernreichen herumzuschleppen. Es würde doch im krassen Gegensatz zu ihrer offensichtlichen Weltanschauung stehen. Sie begann gerade, mir zu erklären, dass es ja genau darum ginge: Der abgebrochene Mercedes-Stern als Symbol der zerstörbaren Macht des Kapitalismus... als ich durch irgendetwas abgelenkt wurde. Gestern lag das Mädel auf einer Wiese neben meinem Heimweg, aber wir haben das Gespräch nicht fortgesetzt.
Dafür hatte ich heute eine Unterhaltung mit einer meiner Kolleginnen, auch im Kopf. Sie hatte aufgrund technischer Fehlleistungen unseres Servers eine Mail bekommen, die eigentlich an einen Freund gehen sollte. Darin stand mein neuestes Gedicht. Sie hatte es gelesen und meckerte, dass es unrhythmisch klänge. Ich sagte ihr, dass die Metrik nach klassischen Regeln aber stimme. Woher ich das wüsste – sie hätte so was nicht in der Schule gelernt, sagte sie. Ich auch nicht, gab ich zurück, dort lernt man eben nicht alles für´s Leben. Ach ja?, meinte sie, wo denn dann? Und ob ich etwa schon mal etwas veröffentlicht hätte? Ich bejahte, und da war sie still.
Das schöne an Kopfgesprächen ist, dass man selbst nie um Worte verlegen ist. Man sagt alles so eloquent und besonnen und reagiert verständnisvoll und trotzdem konsequent auf die Meinung des Gesprächspartners - und man gewinnt immer! Wenn mir das mal sonst gelingen würde!

Mittwoch, 25. April 2007

Living next door to Alice...

Ich hatte mich so darauf gefreut! Auf meinen DSL-Anschluss inklusive Flatrate – sogar für´s Telefon. Preiswert war er und laut Verfügbarkeitscheck realisierbar. „Ja!“, hauchte Alice per eMail verführerisch, „Es geht! Wir werden Ihren Auftrag umgehend bearbeiten, Ihren Telekom-Anschluss samt Nummer aufkaufen und Ihnen ein WLAN-Modem für die Laufzeit Ihres Vertrags, der im übrigen keine Mindestvertragslaufzeit beinhaltet, zur Verfügung stellen.“ – „Prima“, hauchte ich ergriffen zurück und bestätigte kühl und stolz die kurz darauf erfolgende Telekom-Telefon-Anfrage zur Richtigkeit der Telekom-Vertragskündigung. Drei Wochen später (ich wurde bereits etwas ungeduldig) traf dann das Modem ein – so ziemlich zeitgleich mit einer Mail, in der ich meine Zugangsdaten für die Alice-Lounge fand, wo ich den Bearbeitungsstand meines Auftrags einsehen und einen ersten DSL-Anschluss-Check durchführen konnte. Cool! Login check: Login dates roger! Modem check: modem catched - roger! DSL check: DSL noch nicht freigeschaltet, die Freischaltung erfolgt am 20. April... Oh! Na gut. Warten wir eben noch ein paar Tage.
Gestern erhielt ich eine eMail, in der Alice säuselte, dass sie sich zwar freute, dass eines ihrer Produkte mich überzeugt hat, es ihr jedoch leider derzeit nicht möglich ist, mir das gewünschte Produkt zur Verfügung zu stellen. Sie bedauere es sehr, dass sie meinen Auftrag nicht ausführen könne. Keine weitere Begründung. Was?! Wieso das denn?! Reichlich aufgebracht rief ich die mitgelieferte kostenlose Hotline an – und landete erst mal bei Alice persönlich! „Bitte geben Sie zuerst den Grund Ihres Anrufs durch Drücken der entsprechenden Ziffern auf Ihrem Telefon an. Wenn Sie noch kein Alice-Kunde sind und Informationen zu den Produkten von Alice wünschen, drücken Sie die Eins.“ Nun, ich dachte, dass ich ausreichend informiert war. „Wenn Sie bereits Kunde bei Alice sind und Auskunft zum Bearbeitungsstand Ihres Auftrags wünschen...“ Ich drückte die Zwei. „Um Sie mit dem zuständigen Bearbeiter verbinden zu können, benötige ich Ihre Telefonnummer. Bitte geben Sie diese über die Tastatur Ihres Telefons ein.“ Genervt, aber brav, tippte ich die Nummer. „Einen Moment bitte“, flötete Alice fröhlich, „Sie werden so schnell wie möglich mit einem Mitarbeiter verbunden. Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld.“ Ich geduldete mich, einigermaßen beruhigt durch die Gewissheit, meinen Arbeitgeber nicht mit Telefonkosten zu schädigen. Endlich, nachdem Alice mir ihr Mantra noch circa vierundzwanzig mal ins Ohr gegurrt hatte, meldete sich eine Mitarbeiterin, deren Stimme aber so was von gar nicht wie der Wohllaut von Alice klang. Laut war sie allerdings.
„WillkommenbeiAlicceSiesprechenmitFrauDingsbumswaskannichfürSietun“, leierte sie unmelodisch herunter. Ich berichtete, hörbar verärgert, über die eben erhaltene eMail und fragte nach einer Begründung für die Undurchführbarkeit meines Auftrags. „Sagen Sie mir mal bitte als erstes Ihr Geburtsdatum.“ Hä? Wollte die mir den DSL-Anschluss zum Geburtstag offerieren? „Sechster August Neunzehnhundertpfeifendeckel.“, antwortete ich. „Dann brauche ich noch Ihr Telefonservicekennwort...“ – „Mein bitte was?“ – „Das Kennwort, was Sie sich bei Vertragsabschluss für die Nutzung des Telefonservices ausgedacht haben.“ Ich konnte mich nicht daran erinnern, so etwas erdacht zu haben, und sagte ihr das. „Doch, das haben Sie.“, meinte sie energisch, „Und ich brauche es, um mich zu vergewissern, dass Sie es sind, und um mich in Ihr Nutzerkonto einloggen zu können. Wenn Ihnen das Kennwort nicht einfällt, dann vielleicht die Erinnerungsfrage dazu?“ Ich argwöhnte zwar, dass ich mich selbst nach dem Namen eines meiner Haustiere gefragt hatte, hatte im Kopf aber nur ein schwarzes Loch. „Dann sagen Sie mir eben Ihre Kontonummer!“, befahl die Servicetante. „Was? Die habe ich Ihnen auch gegeben?“ Mir war nicht bewusst, derartig viel verraten zu haben. Aber um endlich bedient zu werden, nannte ich die Nummer. Die Dame loggte sich ein – und klang plötzlich kleinlaut. „Ja, ich sehe die Mail, die Sie bekommen haben, aber ich kann das Dokument im Anhang [da drin stand der Auftrag-nicht-ausführbar-tut-uns-leid-Text, die Red.] nicht öffnen. Das verstehe ich jetzt nicht... Moment bitte mal... Entschuldigen Sie mich bitte eine Minute... Ich muss mich mit einem Kollegen beraten...“ Kurzerhand wurde ich wieder dem Alice-Roboter überlassen und lauschte hypnotisiert dem Singsang „Einen Moment bitte... Sie werden so schnell wie möglich mit einem Mitarbeiter verbunden... Bitte haben Sie noch einen Augenblick Geduld...“
Dann knackte es wieder in der Leitung. „Hören Sie bitte?“ – „Ja klar“, sagte ich geduldig, denn die Hypnose hatte gewirkt – und meine Hoffnung, alles würde sich als großer Irrtum herausstellen und ich würde ein Jahr lang DSL umsonst bekommen, war wieder geweckt. „Also es tut uns sehr leid“, meinte die Dame, und meine Hoffnung platzte wie die vielzitierte Seifenblase, „aber es sieht so aus, dass DSL bei Ihnen gar nicht verfügbar ist. Zwar zeigt der Verfügbarkeitscheck das an, die Nachfrage bei der Telekom zum Erwerb Ihres Anschlusses ergab jedoch, dass bei Ihnen doch Glasfaserkabel liegen, und die sind nicht DSL-fähig.“ Das die nicht fähig sind, wusste ich. „Und was nun?“, fragte ich. „Tja, wie gesagt, tut uns leid, aber DSL können wir Ihnen nicht liefern, wir brauchen Kupferkabel. Schicken Sie uns das Modem kostenfrei über den Retour-Schein zurück. Andere Kosten entstehen Ihnen auch nicht. Wir können ja Ihre Daten speichern für den Fall, dass irgendwann die Glasfaser- gegen Hybridkabel getauscht werden... dann vielleicht DSL... weitere Fragen... sind rund um die Uhr sieben Tage die Woche für Sie....“ Ich hörte nicht mehr richtig zu und verabschiedete mich.
Später schrieb ich eine eMail und bat ausdrücklich darum, meinen Auftrag zu stornieren, da ich den Vertrag aufgrund der nichterbrachten Leistung als nichtig betrachte, und meine Daten zu löschen. Und bevor mir das nicht schriftlich bestätigt wird, kriegt Alice das Modem nicht zurück. So. Na und dann bin ich ja noch sehr gespannt darauf, ob mir die Telekom jetzt trotzdem die Strippe durchschneidet. Wundern würde mich das nicht.

Montag, 16. April 2007

Raumordnung - mal anders.

Der Umzug unserer Kreisverwaltung steht an! Rette sich, wer kann - und zwar jeder seine eigene Haut! Und das scheint tatsächlich der Leitsatz der ganzen Aktion zu sein. Die Leserin / der Leser mag sich erinnern: Aufgrund der vom Land verordneten GEBIETSREFORM werden zwei benachbarte Landkreise zu einem Großkreis verschmolzen. Und damit auch beide Verwaltungen zu einer großen (denn entlassen wird ja niemand im öffentlichen Dienst).
Seitdem also feststeht, dass diese Fusion definitiv stattfindet (und zwar schon im Juli 2007!), gibt es in unserem Amt nur noch drei Gesprächsthemen:
1. Wie kommt man am kostengünstigsten in die neue Kreisstadt, und wenn mit dem Auto – wo kann man parken und was kostet das dann?
Das ist ein wichtiges Thema, zugegeben. Auch ich werde mich informieren, was mich der ÖPNV kostet und wann die für mich günstigsten Bahnen fahren oder ob ich bei jemandem mitfahren kann. Aber wie gesagt: Die Fusion findet offiziell im Juli statt. Also habe ich noch viel Zeit für die Viertelstunde Internetrecherche nach dem aktuellen Fahrplan. Und das Monatsticket kann ich ehwieso frühestens am 1.7. kaufen. Für schlappe 57,50 €. Jetzt habe ich doch mal geguckt.
2. Welches Zimmer mit was für einer Wandfarbe kriege ich, wer zieht mit ein (und kann ich den leiden?) und welche Schränke / Tische / Kaffeemaschinen darf / muss man mitnehmen?
Die Zimmerfrage hat uns (mich und meine Kollegin, mit der ich unbedingt zusammenbleiben will, weil was anderes gar nicht funktionieren könnte, schon allein wegen dem Altersunterschied zu den restlichen KollegInnen – von deren mangelhaftem computertechnischen Interesse ganz zu schweigen!) heute zwangsläufig beschäftigt. Da der Juli ja jedes Jahr so überraschend kommt und man schließlich vorbereitet sein will, beorderte uns unsere Chefin in die neue Verwaltung, damit wir dort unser neues Zimmer begutachten und ausmessen. Was soll ich sagen? Wir kriegen das schönste, größte und hellste (im Sommer vermutlich auch heißeste) Zimmer des ganzen Vorschlosses. Tja, jedem, wie er es verdient, oder? Neidvolle Blicke schenkte man uns heute jedenfalls schon mal zur Begrüßung.
Unsere zukünftige Verwaltung ist im Schloss der Stadt untergebracht, welches unterteilt ist in ein prächtiges „Haupt-“ und ein auch noch recht stattliches Vorschloss, die ihrerseits direkt neben dem wirklich eindrucksvollen Dom stehen. Fühlbare Geschichte ringsum. Sogar innerhalb der nüchternen Verwaltungsräume. Denn wie uns heute einer unserer zukünftigen Kollegen erzählte (fürchterlich laut und umständlich, sich dabei stets steifschleimig die Hände reibend und abschließend künstlich-brüllend lachend), war auch zu DDR-Zeiten im Schloss die Kreisverwaltung untergebracht (welche Überraschung) und auch das Wehrkreiskommando. In manchen Gängen soll man noch alte Spinde finden, mit NVA-Emblem auf der grauen Metalltür. Oder Vorhängeschlösser an einigen alten Rohrleitungen, die einfach mit überpinselt worden sind – die wurden von EK´s dorthin gehängt, danach haben sie die Schlüssel weggeworfen, wie es Brauch war. (Das verstehe ich aber nicht: Was machten denn EK´s im Wehrkreiskommando??) Jedenfalls bin ich entschlossen, aus einer für mich unbequemen Situation (statt Gratis-Spaziergang zum / vom Büro ein halbstündiges teures Gezuckel mit der Bahn samt fußläufigem Hin- und Rückweg – also alles in allem ein eine halbe Stunde längerer Arbeitsweg) etwas Angenehmes herauszuholen: die Aussicht auf ein tolles Baudenkmal!
3. Wo und um wieviel Uhr wird in welcher Besetzung gefrühstückt?
Jaaaa, das ist das heißeste Thema! Nicht etwa: „Wer wird zukünftig welche Aufgaben übernehmen?“ oder „Wieviele Dienstautos stehen uns für Dienstfahrten zur Verfügung?“ oder „Ist es gesichert, dass wir alle einen inter- und intranetfähigen Arbeitsplatz zur Verfügung haben werden?“ – Nein! Bisher wurde es nämlich in der alten Kreisverwaltung so gehändelt, dass Punkt halb zehn ein gemeinsames Frühstück eingenommen wurde, und zwar in einem eigens dafür mit einem laaangen Tisch eingerichteten Raum, so dass alle Mitarbeiter daran Platz fanden. Nun wird jedoch dieser Raum als zusätzliches Büro gebraucht. Jetzt grübeln alle Kollegen, wo man einen Tisch für insgesamt 13 Personen (+ Chefin) aufstellen kann für die Frühstücksrunde. Mann. Gibt´s nichts wichtigeres?! Ich sehe mich schon als berühmte 13. (sowieso nicht gern gesehene) Fee zum Frühstück erscheinen, mit funkensprühenden Augen (die meiner harmoniesüchtigen Chefin sprühen höchstens rosarote Sternchen) und gewitterumwölkter Stirn – „Was?! Hier ist kein Platz für mich?! Ich werde euch alle verfluuuuchen! ...“ Aber den Wunsch haben mir die Kollegen sicherlich schon heute angesehen, als ich meinen berühmten genervten Augenroller absolvierte, darauf würde ich wetten.

Mittwoch, 11. April 2007

Nachts um halb vier.

Als ich neulich nachts aus einem Alptraum erwachte, es war morgens gegen halb vier, konnte ich nicht gleich wieder einschlafen. Um mich zu beruhigen und in die Realität zurück zu finden, drehte ich mich auf den Bauch und spähte aus dem Fenster neben meinem Bett hinunter auf die nächtliche Straße. Und da konnte ich etwas komisches beobachten: An der Kreuzung vor meinem Haus hielt ein kleines rotes Auto. Direkt unter der Straßenlaterne. Es hatte drei Bremslichter – das dritte war oben an der Heckklappe – was sehr hübsch aussah. Aus dem Auto stieg eine Frau. Sie war groß, gemessen an ihrem kleinen Auto. Sie blieb in der offenen Fahrertür stehen und sah sich suchend nach allen Seiten um. Sie fand offenbar nicht, wonach sie suchte, denn sie stieg wieder in ihr Auto und fuhr die Straße weiter. Sehr langsam. Dann bremste sie wieder und parkte rückwärts, umständlich und mit drei Versuchen, in eine große Parklücke ein. Sie schaltete Scheinwerfer und Motor ab und stieg wieder aus, nahm einen hellen Beutel (einen Leinenbeutel? eine Plastiktüte?) vom Rücksitz, schloss die Tür ab und ging um das Auto herum auf den Gehweg. Dabei schaltete sie eine Taschenlampe an, die einen recht großen Lichtfleck auf den Boden warf. Aha, dachte ich, sie hatte den Parkplatz nicht gesehen und ist nun auf dem Heimweg. Wo sie wohl herkam, so spät in der Nacht? Die Frau schien älter zu sein, denn sie lief etwas schaukelnd, als ob ihre Hüftgelenke kaputt wären. Ihre Hosen waren etwas zu kurz, das konnte ich sogar von meinem Schlafzimmerfenster aus erkennen. Hochwasserhosen sagt man bei uns dazu. Zielstrebig, aber langsam, ging sie auf den großen freien Platz zu, auf dem früher ein marodes Mietshaus, seit seinem Abriss jedoch wildparkende Autos standen. Das kaputte Haus daneben hatte man stehen gelassen. Ich vermutete, dass die Frau eine Abkürzung über den Dreckparkplatz nehmen wollte. Zu meiner Verwunderung schlich sie jedoch auf die Ruine zu und schlüpfte durch eine Lücke in der Absperrung, die spielende Kinder vor der Gefahr einstürzender Mauern oder so abhalten sollte. Ich war verblüfft. Sie hatte ein hübsches rotes Auto und wohnte in diesem Loch?! Von meiner Wohnung aus kann ich die Fenster des Hauses nicht sehen, ich habe nur die freistehende fensterlose Giebelwand des Hauses im Blick, an die sich früher das jetzt abgerissene Nachbarhaus anlehnte. Aber ich hatte schon einige Male abgerissene Gestalten in leer stehende, kaputte Häuser in meinem Viertel schleichen sehen... Gespannt starrte ich auf den Lichtschein, der jetzt durch den zugewucherten Vorgarten des Hauses zuckte. Er verschwand nicht – und mir dämmerte etwas. Tatsächlich hörte das Zucken auf, und der Strahl der Taschenlampe beleuchtete ruhig und gleichmäßig die Rückseite eines... nein, nicht die eines Frauenkörpers. ;o) Sondern eines Strauches. Die Frau musste die Lampe auf eine Treppenstufe gelegt haben, um ihre Umgebung ein wenig zu erhellen. Vermutlich, damit sie sich nicht auf die Hosenbeine pinkelte. Auch wenn sie zu kurz waren, konnte das in der Dunkelheit leicht passieren. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis die Frau fertig war. Der Druck musste groß gewesen sein. Oder kriegte sie den Reißverschluss nicht auf? Wozu hatte sie eigentlich den Beutel mitgenommen? Klopapier? Unterhaltsame Lektüre? Endlich setzte sich das Licht wieder in Bewegung. Ich sah, wie sich die Frau wieder durch den Gitterzaun zwängte, den Beutel immer noch in der Hand. Sie ging auf ihr Auto zu, schloss auf, verstaute Beutel und Lampe auf dem Rücksitz, setzte sich hinein und fuhr davon. Sicherlich erleichtert. Gute Nacht!

Mittwoch, 4. April 2007

Herz.Rhythmus.Störung.

Irgendwie kann ich es immer noch nicht fassen: Da ist eine Lyrikanthologie erschienen, die drei Gedichte von mir beinhaltet! Wow! Natürlich wusste ich, dass sie erscheinen wird und dass meine Texte da drin stehen werden. Aber jetzt halte ich das Ding in meinen Händen, blättere darin, freue mich, auf Bekannte zu treffen (damit meine ich die von mir gern gelesenen Autoren, die sich bei keinverlag.de versammelt haben), und noch viel mehr darüber, in diesem Buch – gedruckt und damit amtlich! – unter ihnen zu weilen. Eins meiner Gedichte zieht sich sogar über drei Seiten hin! Natürlich habe ich nach dem Buch bei Amazon gesucht. Es ist verfügbar. Man kann es dort bestellen. Für weniger als zehn Euro kann man die Gedichte kaufen. Auch meine. Wow!

Freitag, 23. März 2007

Schneefall

Pünktlich zum Frühlingsanfang ist dieses Jahr der Winter ausgebrochen. Und natürlich die Frühjahrsmüdigkeit bei der Kommune. Denn allen Wettervorhersagen zum Trotz glaubte die Stadt Halle an der Saale offenbar nicht daran, dass es „auch im Flachland Schnee“ geben wird. Die Räumfahrzeuge waren wohl schon wieder eingemottet, die ABMler mental auf das Pflanzen von Stiefmütterchern eingestellt und die Streugutkästen weggeräumt. Die Gehwege räumte also niemand. Es hat gestern wirklich den ganzen Tag geschneit, circa hunderttausend Flocken auf den Quadratzentimeter, stundenlang ohne Pause. Aber Weihnachten kommt ja auch jedes Jahr so überraschend – wen überrascht es also wirklich, dass sich die Kommune nicht zuständig fühlte, was das gefahrlose Begehen der öffentlichen Wege angeht? Vielleicht dachten die Stadtväter auch, dass sich der Schnee am gestrigen „Tag des Wassers“ passenderweise von allein verflüssigen würde? Er tat´s nur teilweise – und schwappte auf dem Heimweg erfrischend in meine Schuhe. Bis zu den Waden durfte ich durch schmutzigen Schneematsch waten. Wer bezahlt mir ruinierte Stiefel und verdreckte Hosen? Heute morgen das gleiche Spiel: Lustiges Hüpfen über Schneematschwälle, Dachlawinenslalom, Synchronschliddern über die Kreuzung (wer rutscht schneller – der Lkw oder ich?) und vorsichtiges Eiern über gefrorene Schneefelder, um nicht auch noch einen nassen Hintern zu bekommen. Erst die letzten fünfzig Meter des Wegs zum Büro waren geräumt und sogar gestreut! Entweder gehört dieses Stück zum Heimweg eines fußläufigen Würden- (oder Bürden-?) -trägers der Stadt oder hier hatte tatsächlich schon jemand ausgeschlafen. Morgääähn!

Dienstag, 20. März 2007

Der Plattenvertrag.

Meine Nichte zieht in meine Stadt. Mitten ins Zentrum, genau ins Kneipenviertel, schräg über eine meiner Lieblingskneipen. Tolle Lage, sogar ruhig, und alles zu erlaufen, was ihr die zum Teil enormen Fahrtkosten der städtischen Verkehrsbetriebe erspart. Die Wohnung ist (gemessen am Mietspiegel meiner Stadt) wirklich billig mit 4 Euro pro m². Einziger Nachteil bei diesem Preis: Man muss selbst renovieren. Und wenn man bei einem unsanierten Plattenbau von Renovierung spricht, passt das Wort nicht. „Sanierung“ wäre tatsächlich passender. Aber da in der Wohnung so viel instand zu setzen ist, sieht Nichtes Platten-Miet-Vertrag vor, sie zwei Monate mietfrei (bei Nur-Zahlung der Nebenkosten) wohnen zu lassen. Ist ja erst mal was. Das Geld braucht sie auch wirklich für die Renovierung.
Am 31.3. muss Nichte aus ihrer alten Wohnung in der Harzkleinstadt raus. Spätestens ab diesem Tag soll also ihre neue Wohnung bewohnbar sein. Hektik tut not.
Zustand der Platten-Wohnung bei Schlüsselübergabe: Das Schlafzimmer war größtenteils von Tapete befreit, so dass der nackte, dunkelgraue Beton gut sichtbar war. In Küche, Bad und Wohnzimmer waren die Tapeten des Vormieters (Herbert S., Rentner, NICHT in der Wohnung gestorben) noch dran und sahen entsprechend abgenutzt aus. Im Bad befanden sich eine uralte Wanne (noch die Originalwanne seit Bau des Hauses, wie wir erfuhren), ein marodes Waschbecken und ein versüfftes Klo. In der Küche standen alte Schränke (auch noch von der originalen DDR-Küchenzeile!) und ein ziemlich gut erhaltener Elektroherd, den Nichte erst mal behalten will. Die Original-Fußböden waren auch noch drin: Braun-grün-graues Linoleum, von dem Frau T. von der Wohnungsgesellschaft meinte, das wäre „doch noch ganz gut“. Wir werden es als Estrich für den neuen Fußbodenbelag nutzen.
Das Wohnzimmer ist kultig: Da das Haus „um die Ecke geht“, also zusammen mit dem anschließenden Wohnblock eine Kurve beschreibt, ist das Zimmer trapezförmig – am Fenster ist es ca. 3 m breit und am anderen Ende nur 1,20 m. Das schmale Ende bildet eine eingezogene Pappwand, die das ganze schmale Ende (Verjüngung bis auf 30 cm!) abtrennt, so dass Nichte nun auch noch eine winzige Abstellkammer kriegt, die wir spaßenshalber das „Gästezimmer“ oder (in memoriam) „Herberts Ruh“ nennen.
Am Wohnzimmer hängt ein Balkon, und zwar ein 1,50 m tiefer! Der ist breiter als der Plattenstandardbalkon! Und er geht nach Süden. Man hat vormittags, tagsüber und nachmittags Sonne, wie wir schon testen konnten, denn Nichte hatte bereits ihren Liegestuhl mitgebracht. Der Blick vom Balkon ist eigentlich romantisch: Direkt gegenüber steht ein altes Uni-Gebäude, mit unsaniert grauer Fassade zwar, aber dafür abends ausgestorben. Um das Gebäude zieht sich ein Streifchen Garten, in dem sich Bäume für trällernde Amseln befinden, ein abends beleuchtetes Gewächshaus (heimlicher Hanfanbau???), ein Teich und einige Blumenbeete. Links und rechts erblickt man Teile der Altstadt mit Fachwerkhäusern und der Moritzburg. Und unterhalb liegt der Biergarten der Apotheke. Sehr praktisch.
Besonders muffig roch die Wohnung nicht, nicht mal in der Abstellkammer. Nur im Bad schlug uns (besonders abends) eine Duftmischung aus Kohl und Kloake, mit einem leichten Hauch nach Hund (im Bereich der rostigen Heizung), entgegen. Aber der gleiche Geruch wabert jeden Abend durch das Treppenhaus, muss aus dem Keller kommen. Herbert?!
Herbert S. muss sehr lange allein in der Wohnung gelebt haben und konnte sicher nicht mehr viel alleine machen. Überall fanden wir Spuren seiner laienhaften Handwerkskünste: riesige Teppichnägel, die die Fliegengitter an den Fenstern halten sollten, eine abgebrochene Nagelfeile, eine mit Holzleisten und Klebestreifen befestigte Duschwand, irgendwelche Bindfäden um Heizungsrohre und Dübel, Dübel, Dübel... Auch der Balkon ist abenteuerlich: Das Geländer ist komplett zerrostet, die in die Brüstung eingesetzten Glasscheiben zersprungen. Herbert hatte den Balkon mit Paneelen oder Styroporplatten verkleidet, deren Kleberreste jetzt fest an den Betonwänden pappen. Wir überlegen noch, ob wir schleifen oder gleich drüberstreichen.
Jedenfalls brauchten wir erst mal drei Tage, um die Renovierung vorzubereiten. Ich hatte extra zwei Tage Urlaub vor dem Wochenende genommen, um zu helfen. Als erstes weichten wir die restlichen Tapeten ab. Diese Arbeit glich einer archäologischen Exkursion. Drei Lagen beige-brauner DDR-Tapete (mit Blümchen, mit Erdbeeren und Äpfeln und mit winzigen Karos) legten wir unter der Westtapete frei. Und DDR-Tapeten kleben aus irgendwelchen Gründen hartnäckiger als westdeutsche. Wir fluteten beinahe die Wohnung und kratzten um unser Leben. Als es endlich geschafft war und die ganze Wohnung geheimnisvoll dunkelgrau glänzte und sinterte wie eine Tropfsteinhöhle, konnten wir richtig anfangen.
Als erstes wurden die Decken tapeziert. Schon als erst mal nur die pure Raufasertapete dran war, erlebten wir einen Aha-Effekt: die Wohnung wirkte heller. Während Nichte die Decken weiß kullerte, strich ich alles, was gestrichen werden kann: Deckenkanten, Heizkörper (diese 4 bis 5 mal, damit das Weiß den Rost und das alte Armeegraugrün, auch Original, ordentlich abdeckt), Fenster (vergilbte Plastefenster – egal! drüber mit dem Lack!), Scheuerleisten und Türrahmen. Für letztere hatte sich Nichte ein Perlweiß ausgesucht. Der Deckel auf der Farbdose zeigte exakt den gleichen Farbton wie die abgegriffenen Türrahmen: Herbert-Gelb. Aber als ich pinselte, sah ich, dass das Perlweiß eher ein zartes Grau ist, welches später die Farben der pastelligen Tapeten angenehm reflektierte. Für ihr Schlafzimmer hat Nichte grüne Tapeten mit einer zarten Stoff-Struktur gekauft. Der Raum wurde als erster tapeziert. Als er fertig war, waren wir alle stolz wie Oskar nach Zeugung seines zweiten Sohnes: Wäre der hässliche Fußboden nicht gewesen, hätte bereits eingeräumt werden können, so wohnlich sah das Zimmer aus. Motiviert begannen wir mit dem Wohnzimmer; hier sind die Tapeten die gleichen in Rosalila, sie wirken sahnig wie Heidelbeerjoghurt. In Küche und Flur wird es diese Tapeten noch in Gelb und Sand geben. Nur das Bad kriegt eine andere, feuchtraumgeeignete, in Himmelblau, mit der dann auch provisorisch der Schaumstoffsockel der neuen Wanne (die die Wohnungsgesellschaft zusammen mit Waschbecken und neuem Klo großzügig stiftete) verkleidet wird. Um das Ganze wasserdicht zu machen, wird auf die Tapete eine sogenannte Tapetenhaut gestrichen, die dann eine Art Folienschicht bildet. Ich bin echt gespannt, ob das gegen Wassereinbrüche hilft. Leider komme ich erst am Freitag wieder dazu, die Fortschritte in der Wohnung zu begutachten. So oder so: Ich werde überrascht sein.

Montag, 12. März 2007

Wir sind schön.

Die Tageszeitung berichtete heute folgendes: „In der Schweiz ist am Samstag in Genf zum ersten Mal der Titel «Miss Altersheim» vergeben worden...“ Ja!!! Das habe ich vermisst im allgemeinen Medien-Hype um Germanys Next Topmodel, den deutschen Superstars und „Top dog - Deutschland sucht den Superhund“! Eine Rentner-Miss-Wahl! Wir sind schön - schön alt! Sowas ähnliches hatte RTL2 ja schon versucht, als es die Sendung „Hüllenlos – auch nackt gut aussehen“ ins Programm nahm: Dem durchschnittlich missratenen Menschen zu enthüllen, dass auch er schön sein kann! (Die Sendereihe wurde übrigens schnell wieder verhüllt. Offenbar missfiel das Konzept dem RTL-Zuschauer – kein Wunder, wer will schon Zellulite betrachten, wenn er glattweg Topmodels besabbern kann?)
Nun hat die Welt also eine Miss Altersheim. Ich finde ja, dass die Kürung Missgunst hervorrufen kann, haben doch nicht alle zur Miss geborenen Damen diesen Heimvorteil. Da besteht ein echtes Missverhältnis, bei dem rüstige Heimverweigerinnen benachteiligt werden.
Meiner Meinung nach hätte der Titel Miss Marple auch viel besser gepasst: alt und schrullig, aber wenigstens nicht senil. Dazu hätten aber die Auswahlkriterien andere sein müssen (zum Beispiel das Ausmaß der Misslaune und des Karomusters des eigenen Regenschirms). Hier mussten die Kandidatinnen lediglich über 70 Jahre alt sein und alleine gehen können. Wozu denn das?! Mensch, da hätte sich doch bestimmt ein Sponsor für Rollatoren gefunden. Aber nein, die Kandidatinnen mussten selbstständig vor der Jury defilieren. Ich hoffe doch mal, nicht im Badeanzug! In dem Alter muss man an seine Nieren denken, warnte ja auch Thomas Gottschalk dereinst...
Außerdem misshelligte man die Bewerberinnen mit Fragen über ihr Hobby, die familiäre Situation, den verrücktesten noch nicht realisierten Traum und die liebste Blume. Wie, bitte, bemisst man die Eignung der Kandidatinnen zur Miss Altersheim an ihrem Hobby? Wurden sie auch zur politischen Missstimmung befragt (ich bin für den Weltfrieden!)? Und wollte die Jury sichergehen, dass die alten Damen, die den Sprung auf das Miss-Treppchen nicht schafften, von ihren Familien aufgefangen werden (ob nun mental oder physisch)? Hoffte die Jury, den verrücktesten Traum für eine Reality Soap missbrauchen zu können? Und bekamen die missbilligten Omis wenigstens ihre Lieblingsblumen?
Die Siegerin heißt jedenfalls Léontine Vallade. Sie trat gegen neun Kandidatinnen aus fünf anderen Altersheimen an und überzeugte in diesem Heimspiel durch ihr Lächeln und ihren Charme. Ihr Preis war ein Essen in einem Luxusrestaurant. Ha! Da hätte die Jury besser nicht missachten sollen, dass die gute Léontine gar nicht mehr ihre eigenen Zähne hat... Oder bekam sie einen Mixer dazu?
Misstrauisch frage ich mich nun, wie ich bei diesem Schönheitswahn in Würde altern soll. Oder missverstehe ich hier was? So ein Mis(s)t!

Donnerstag, 1. März 2007

Potenziell Gewinn-Berechtigte!

Sehr geehrter Herr Günther,
gestern erhielt ich Ihren Brief, in dem Sie mir freundlich mitteilten, dass ich zu den potenziell Gewinn-Berechtigten für das 118. NKL-Gewinnspiel gehöre. Hui, wenn das mal nicht besser als jeder akademische Titel ist – potenziell Gewinn-Berechtigte! Tja, ich schätze, als PGB, wie ich mich nun stolz nennen möchte (tun Sie ja auch – und zwar ganze 8 mal auf der ersten Seite Ihres Briefs!), darf ich mich glücklich schätzen (schreiben Sie ja auch!), von immerhin 477 vorgeschlagenen PGB im speziellen Nominierungs­verfahren tatsächlich ein PGB geworden zu sein. Und wissen Sie was? Ich BIN glücklich! Da sieht man´s mal wieder: Geld allein ist eben nicht des Glückes Schmied. Tatsächlich bin ich so glücklich über den mir verliehenen Titel, dass ich mein Glück nicht weiter herausfordern möchte, indem ich an Ihrer Lotterie teilnehme. Nein nein, diese Chance auf Glück (und jetzt sind wir schon beim 6. Gebrauch dieses Worts) möchte ich gern anderen überlassen. Obwohl ich ja sogar das Glück (7!) hatte, im beiliegenden verschlossenen Umschlag die persönlichen Berechtigungsnachweise für ALLE Gewinn-Kategorien zu erhalten. Welch Glücksgriff (8!)!
Dennoch: Das Glück (9!) ist kein Lottogewinn! Deshalb verbleibe ich, arm aber glücklich (10! ha! Sieger!) mit den besten Wünschen für Sie persönlich, Herr Günther,
Ihre Bellis.
PS: Brief tatsächlich abgeschickt am 1.3.2007!

Mittwoch, 28. Februar 2007

Telekommunikation.

Gestern Abend klingelte mein Telefon. „Guten Abend, hier ist die Telekom“, säuselte mir eine Männerstimme ins Ohr, „Ich möchte Ihnen gern unser neuestes Angebot ans Herz legen – die Telefon-Flatrate! Wie hoch ist denn Ihre monatliche Telefonrechnung?“ Ich brummte etwas von vierzig Euro, und schon legte er los. „Das passt doch prima! Für unsere Flatrate zahlen Sie monatlich nur fünfunddreißig Euro, und da ist die Grundgebühr schon drin! Sie können quasi am Monatsanfang ein Telefonat beginnen und erst am Monatsende wieder aufhören zu reden, wenn Ihre Zunge das so lange mitmacht, hahaha. Und selbst dann können Sie immer weiterreden, denn Sie zahlen ja nur monatliche Festkosten...“ Ich unterbrach ihn. „Wenn Sie mir für den Preis noch eine DSL-Flat drauflegen, bin ich dabei.“ Er lachte gekünstelt und schwenkte bereitwillig um. „Dann lassen Sie uns doch gleich mal schauen, ob ein DSL-Anschluss bei Ihnen überhaupt möglich ist.“ Ich hörte ihn am PC tippen. „Nnnein“, meinte er dann, „zu Ihrem Anschluss sehe ich hier, dass eine DSL-Fähigkeit momentan nicht geklärt ist.“ – „Was bedeutet das?“, fragte ich. Er zögerte irgendwie. „Naja“, versuchte er dann eine Erklärung, „es kann sein, dass in Ihrer Straße zwar schon die benötigten Leitungen verlegt wurden, dass aber vielleicht die Leistungsfähigkeit der Leitungen nicht reicht, dass da noch eine Art Verstärker zwischengeschaltet werden muss...“ Ich verstand das nicht wirklich und fragte: „Wieso sagen einige Anbieter auf Ihren Websites aber, dass bei mir DSL verfügbar ist, andere schließen es wiederum aus, und wieder andere, so wie Sie, müssen das erst noch klären?“ Irgendwie klang er erleichtert, als er von der Technik zum Vertragswesen umschalten konnte. „Jaaa“, prahlte er, „die Anbieter, die die Verfügbarkeit von DSL anpreisen, wollen damit nur Kunden fangen. Die schließen mit Ihnen erst mal einen Vertrag ab und prüfen erst dann, ob Sie die DSL-Rechte für Ihren Anschluss kriegen können. Und wenn sie das nicht können, dann haben am Ende Sie das Problem, aus dem Vertrag wieder rauszukommen.“ – „Aha.“, sagte ich erst mal und nippte an meinem Rotwein, „Wie kriege ich denn nun aber raus, ob DSL bei mir funktioniert oder nicht?“ – „Na ganz einfach“, prahlte er weiter, „Sie beauftragen uns, einen Service-Techniker vorbei zu schicken, und der prüft speziell Ihren Anschluss auf DSL-Fähigkeit.“ – „Und wenn DSL nicht geht, ist die Prüfung kostenlos?“ – „Selbstverständlich!“ – „Und wenn DSL geht, habe ich automatisch einen Vertrag mit Ihnen abgeschlossen?“ – „Jaaa, so ist es...“ Ich musste langsam grinsen. „Wissen Sie“, sagte ich listig, „ich möchte doch aber erst mal nur herausfinden, ob DSL bei mir überhaupt geht. Für einen Tarif entscheide ich mich dann später.“ Er klang kühl, als er mir empfahl: „Na, dann schauen Sie immer mal auf unsere Website, dort ist ein DSL-Check... So!!“, krähte er dann energisch (und klatschte dabei beinahe in die Hände), „wollen wir dann erst mal den Vertrag für die Telefon-Flatrate abschließen?“ – „Nee“, sagte ich genauso energisch, „das wollen wir nicht. So was will gut überlegt sein.“ – „Okay“, lenkte er ein, „wann kann ich Sie denn dann mal zurückrufen?“ – „Ich möchte mich eigentlich nicht zeitlich unter Druck setzen lassen...“ – „Tue ich doch nicht!“, redete er dazwischen, „deshalb frage ich ja, wann ich Sie zurückrufen kann.“ – „Wissen Sie, eine Telefon-Flat brauche ich eigentlich gar nicht. Meine Telefonrechnung besteht hauptsächlich aus den Kosten für meinen langsamen Internetzugang.“ Jetzt wurde er pampig. „Ich bin davon ausgegangen, dass Sie mir nach Ihren vielen Fragen eine Chance geben, wo ich Ihnen doch so nett alles erklärt und aufgeschlüsselt habe – ich hätte Sie ja auch einfach über den Tisch ziehen können, indem ich behaupte, dass bei Ihnen DSL geht...“ – „Moooment“, unterbrach ich sein konfuses Schimpfen, „Sie unterstellen mir hier eine große Portion Naivität...“ – „Na, Sie werden doch aber zugeben, dass Sie anfangs beinahe der Telefon-Flat zugestimmt haben.“ Ich wurde unlustig. „Also, jetzt nimmt das Gespräch langsam eine Form an, die ich als beleidigend empfinde. Mit Ihnen will ich keinesfalls einen Vertrag abschließen, ich wollte mich nur erst mal informieren.“ – „Dann tun Sie das“, knurrte er fast, „und dann können Sie ja einen T-Punkt-Laden aufsuchen. Schönen Abend noch.“ – „Ebenso!“, flötete ich und war wieder um eine amüsante Erfahrung reicher.

Dienstag, 27. Februar 2007

Ausfluss des Grundsatzes der Einräumigkeit der Verwaltung

Gedanken zum Entwurf eines zweiten Gesetzes zur Änderung des Landesplanungsgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt

Zielsetzung:
Anlass für das Zweite Gesetz zur Änderung des Landesplanungsgesetzes des Landes Sachsen-Anhalt ist die zum 1. Juli 2007 in Kraft tretende Kreisgebietsreform nach dem Gesetz zur Kreisgebietsneuregelung vom 11.11.2005 (GVBl. LSA S. 692), geändert durch § 1 des Gesetzes vom 19.12.2006 (GVBl. LSA S. 544). Der Gebietszuschnitt der fünf Planungsregionen muss den neuen Grenzen der Landkreise und kreisfreien Städte angepasst werden. Dies ist Ausfluss des Grundsatzes der Einräumigkeit der Verwaltung und darüber hinaus auch deshalb erforderlich, weil die Landkreise und die kreisfreien Städte Träger der Regionalplanung für die Planungsregionen sind und diese Aufgabe in Regionalen Planungsgemeinschaften als Zweckverbände erledigen.

Für mich ist Ausfluss etwas unangenehmes, krankhaft-schleimiges, ekliges. So gut es geht, versuche ich, Ausfluss zu vermeiden. Die Regierung (in diesem Fall die unseres Landes) sieht das offenbar anders. Sie geistert ja schon länger durch die Medien – die GEBIETSREFORM! Die Kommunen zittern, die Landkreise jammern, die Planungsregionen versuchen verzweifelt, ihre halbfertigen Regionalpläne zu vollenden, bevor diese mal wieder null und nichtig erklärt werden und von vorne angefangen werden muss. In welcher Besetzung ist nicht klar. Präziser ausgedrückt: in welcher Formation, denn entlassen wird niemand, wir reden vom öffentlichen Dienst... So eine GEBIETSREFORM sieht nicht nur die Zusammenlegung von kleinen, eigenständigen Dörfchen zu Einheitsgemeinden vor, sondern zieht die Umgestaltung ganzer Landkreise nach sich, denn es kann ja nicht sein, dass die Landkreisgrenze mitten durch eine neue Großgemeinde läuft. Die einzelnen Landkreise sollen sich wiederum auch vergrößern, denn wenn es nur noch wenige Kommunen pro Landkreis gibt, braucht man auch nicht mehr so viele Landkreise insgesamt. Die Landkreise haben sich, um auch grenzübergreifend ihre Wirtschaft (ihren Tourismus, ihren Naturschutz) ankurbeln zu können, in Zweckverbänden (sogenannten Planungsgemeinschaften, definiert durch räumlich abgegrenzte Planungsregionen) zusammengeschlossen. Gibt es jetzt aber weniger (dafür aber größere!) Landkreise, müssen auch die Planungsregionen neu eingeteilt werden, denn es kann ja nicht sein, dass die Planungsregionsgrenze mitten durch einen neuen Groß-Landkreis verläuft. Also müssten wohl die Planungsregionen analog auch vergrößert werden, oder? Wenn es aber weniger Planungsregionen gibt (momentan sind es noch fünf in diesem Land), dann könnte man diese doch gleich weglassen... Aber das war ein Vorschlag der PDS, völlig indiskutabel... Der Gesetzgeber sieht lediglich die Bildung von Einheitsgemeinden (auf der Grundlage der Gemeindeordnung des Landes – GO) und Landkreisen (auf der Grundlage des Gesetzes zur Kreisgebietsneuregelung – LKGebNRG) sowie Planungsregionen (auf der Grundlage des Landesplanungsgesetzes – LPlG) vor. Das kostet natürlich was. Der Landkreistag warnt sogar vor Milliardenausgaben. Nun ja, wenn ich mir durch den Kopf gehen lasse, was allein auf den Landkreis zukommen wird... Als erstes müssen natürlich die „Willkommen im historischen Hm-hm-Kreis“-Schilder, die den Reisenden an den Kreisgrenzen immer so freundlich und bunt begrüßen, neu gefertigt werden. Die sind enorm teuer. (Die Kosten könnten minimiert werden, wenn man die alten Schilder versteigern würde; viele Nostalgiker, nicht zuletzt aus der historischen Verwaltung, würden sich gern eins der alten Blechdinger in die Schrankwand stellen.) Autokennzeichen müssen neu erfunden werden. Landkarten müssen neu gezeichnet werden. Ortseingangsschilder müssen neu gemalt werden (vielleicht sogar zweimal, wenn sich die Gemeinden nicht rechtzeitig dazu aufraffen, sich zu vereinheitlichen). Die Kreisverwaltungen müssen den gesamten Kreisbestand an Kreisstraßen, Gebäuden und anderem Grundbesitz sowie an Büroausstattungen (einschließlich Mitarbeitern) inventarisieren. Und da der Grundsatz der Einräumigkeit der Verwaltung gewahrt werden muss, muss natürlich die gesamte Kreisverwaltung in den neuen Verwaltungssitz umziehen. Im Fall „meines“ Kreises zieht ausgerechnet „meine“ Verwaltung in die Kreisstadt des Nachbarkreises, weil die der zukünftige Verwaltungssitz sein wird. Denn „mein“ Kreis hat keine Hauptstadt. Mist. Also werden dort zusätzliche Büros gebraucht (denn entlassen wird niemand, wir reden immer noch vom öffentlichen Dienst), außerdem Archiv-Räume, Möbel, Parkplätze, Computer, das Hausnetz muss erweitert werden... Von den armen Bürgern des Groß-Kreises, die dann immer erst mal eine Stunde fahren müssen, um ihre neuen Autoschilder abzuholen, ganz zu schweigen. Tja, so eine GEBIETSREFORM verändert nur räumlich. Alles fließt, sagt Heraklit. Was für ein Ausfluss, fürwahr...

Mittwoch, 21. Februar 2007

Amadeus

Amadeus, Foto: Opernhaus Halle
Wenn ich es auch erst gestern sah, muss ich doch sagen, dass die Presse das Ballett „Amadeus“ des halleschen Opernhauses zu Recht als „originellsten Beitrag zum Mozart-Gedenkjahr“ feierte. Wie ich es erlebte?
Prolog (1. Bild): Bereits krank sitzt Wolfgang Amadeus Mozart an seinem Billardtisch und komponiert, getrieben vom Druck der Gesellschaft, des Vaters und von sich selbst. Dabei schaut er zurück auf sein Leben, auf die Männer und Frauen, die ihn und sein Werk beeinflusst haben. (Als äußere Attribute seiner Krankheit trägt er, sehr effektvoll, nur Unterkleider und um den Kopf die Bandage, über die dann die Perücke gezogen wird.)
In den folgenden Bildern erzählt das Ballett von Mozarts Auseinandersetzungen mit seinem Vater (in akkurater Strenge, durch die väterliche Liebe und Verzweiflung schimmern), von den ungleichen Schwestern Aloisia (naiv und anständig) und Constanze (leidenschaftlich und verständnisvoll) und seinem Rivalen Salieri (hier mehr wohlwollend-berechnender Mäzen als Feind, der trotz seiner Liebe zur Musik niemals den Bezug zur Wirklichkeit verlieren will)
Der Star des Abends war zweifellos Yann Revazov, der dem jungen Mozart so viel sympathische, lausbübische Lebendigkeit einhauchte, dass man als Zuschauer gar nicht anders konnte, als gebannt und hingerissen auf dieses unperfekte Genie zu starren. Superstar Amadeus – poppig, eitel, unzufrieden und ruhelos. Scheinbar widersprüchlich im Innen und Außen: Seine harmonischen, rein und zart klingenden Kompositionen im Gegensatz zu seinem lauten, unbekümmert-vulgären Auftreten in der Gesellschaft, was letztlich doch nichts anderes war als ein Ausdruck seiner überschäumenden Lebenslust und Leidenschaft. Wundervoll wurde dieser Widerspruch auf der Bühne umgesetzt: Während Mozart sich im Vordergrund (Realität) auf beinahe peinlich drollige Art dem weltlichen Genuss der Liebe hingab, wurden im Hintergrund (Phantasie) durch graziöse, weißgekleidete Tänzer beim Pas de Deux das Ergebnis seiner Inspiration und seine Genialität überhaupt dargestellt. Ich mochte es, wie durch den plump wirkenden Tanz von Mozart und Constanze zum Ausdruck kam, dass auch ein Genie erdverhaftet und mit Alltags- und Beziehungsproblemen geplagt ist.
Bildliche Parallelen zu Milos Formans Film „Amadeus“, wie die Punk-Perücken oder das Komponieren am Billardtisch, waren unverkennbar – aber gerade deshalb konnte man als Zuschauer sofort eintauchen in Mozarts buntes Treiben, als ob man gut bekannt damit wäre.
Farben spielten bei diesem Spektakel eine große Rolle (wie bei den meisten von Rossas Balletten): Die Bühne wurde, wenn es um das höfische Leben ging, in neonfarbenes Licht getaucht (geniale Idee, dafür leuchtende Plexiglas-Säulen mit Rokoko-Kapitellen zu verwenden!), und auch die Tänzer trugen Bollywood-Farben (rot, bordeaux, pink, orange, gold...). Die ernsten Auseinandersetzungen zwischen Leopold Mozart bzw. Salieri und Amadeus sind dagegen (auch Rossa-typisch) sparsam, fast gar nicht koloriert – schwarz wird die Bühne, lediglich Spots folgen den kämpfenden Tänzern, untermalt von den satten düsteren Klängen des „Rockquiems“.
Die verwendete Musik ist genauso bunt wie das ganze Stück: Neben klassischen Originalen (und Collagen aus diesen!) werden moderne Mozart-Adaptionen im Samba- und Pop-Rhythmus und immer wieder das bedrohliche „Rockquiem“ eingespielt.
Mozarts Leben endet auf der Bühne mit den gleichen dramatischen Bildern, mit denen das Ballett begann: Er stirbt am Billardtisch beim Komponieren des Requiems, verzweifelt beweint von Constanze. Schön ist aber, dass damit nicht das Ballett endet. Man lässt Mozart weiterleben; inmitten seiner von ihm geschaffenen Figuren (Papageno, Figaro, der Königin der Nacht...) wirbelt er für immer über die Bühnen und durch unsere Herzen. Hach ja. Ein Stück zum Öftergucken!

Dienstag, 20. Februar 2007

Feuerstätten

Der Landkreis, den ich verwalte, besitzt seit einigen Monaten ein großes neues Krematorium. Es steht, verkehrsgünstig, unweit der Autobahn am Rande eines Gewerbegebiets. Weil ich neugierig bin (und weil ich diese Informationen natürlich für meinen Job brauche!), google ich nach dieser Einrichtung: Tatsächlich, das Krematorium besitzt eine Website!
Auf der Website (ansprechend in flammenden Rot-Orange-Tönen gestaltet) werden viele Fotos des Hauses gezeigt.
Modern ist das Gebäude, fast steril in seiner sachlichen Betonarchitektur. Jedoch wurde es, außen und noch mehr innen, aufwändig mit Wandmalereien und Skulpturen dekoriert. Die sind wirklich kunstvoll und wurden wohl auch von einem Künstler extra angefertigt. Sie thematisieren den Weg eines Verstorbenen ins Jenseits. Sein Reisegefährt ist eine Barke, deren Motiv sich als Relief in Bronzeplatten und als von der Decke hängende, beinahe schwebende Plastik wiederholt. Mythisch-mystisch, aber nicht gruselig – das gefällt mir gut, am liebsten würde ich mir das Gebäude mal live anschauen. Ob man mir das gestattet? Und ob man dort auch bestattet? Man verzeihe mir den Wortwitz – aber hier in der Verwaltung hieß es wirklich, dass zum Firmengelände des Krematoriums auch ein betriebseigener Friedhof gehört. Fotos von diesem finde ich leider nicht. Aber wenn der auch so sachlich gestaltet ist, wie der Hallenbau, passt er sich sicher gut in den Charakter des Gewerbegebiets ein. Warum auch nicht? Totengräber ist auch ein Gewerbe. Lerne ich zumindest von der Website.
Vom Krematorium zum ÄSCHARIUM® – eine Metamorphose der Feuerbestattung“ – ist dort zu lesen – allerdings in einer anderen Formulierung, denn die Firmenbezeichnung sowie auch alle Texte der Homepage sind ausdrücklich urheberrechtlich geschützt – deshalb verbuche ich meine Bezeichnung auch als meine Erfindung und verweise ebenfalls auf´s Urheberrecht und darum sind die hier in Gänsefüßchen eingerahmten Passagen auch keine Zitate, sondern lediglich ein als „wörtliche Rede“ gekennzeichneter Text – „Das ÄSCHARIUM® ist das Signet einer Firmengruppe im Feuerbestattungswesen. Obwohl Feuerbestattungen immer noch zu einem Tabu-Thema gehören, gewinnen sie zunehmend an Bedeutung. Das Anliegen der ÄSCHARIUM®-Gruppe ist, behutsam und transparent über ihre Arbeit zu informieren und dadurch die Scheu gegenüber diesem Thema abzubauen.“ Das finde ich gut, man will ja schließlich Bescheid wissen.
Die ÄSCHARIUM®-Gruppe verfügt derzeit über drei Betriebstätten...“ Feuerstätten, aha, wie kultig... „mit insgesamt sechs Einäscherungslinien...“ Linien?! Ich bin verwirrt über diese Formulierung. Das hört sich so technisch an, nach Fließband oder Fahrplan oder walk the line...
Durch die Vergabe von Chipkarten an Beerdigungsunternehmen können diese jederzeit (auch außerhalb der Geschäftszeit) Einbettungen in unserer Kühleinrichtung vornehmen.“ Ah! Vorratshaltung durch Einkellerung... Das ist wirklich umsichtig und erinnert mich an einen Messebesuch...
Von uns werden sowohl Einzelleistungen als auch der komplette Service, inklusive Überführung, Trauerfeier, Einäscherung und Urnenbeisetzung, offeriert. Das Angebot ist dabei so abwechslungsreich wie die Nachfrage, denn unsere Dienstleistungen orientieren sich an Kundenwünschen...“ Wow. Mich würde wirklich interessieren, bis zu welcher kommerziellen Spaßgrenze die ein individuell gestaltetes Ritual mitmachen würden. Die Fotos der Website zeigen jedenfalls eine Belegschaft, die offenbar, je nach Situation, Montur und Mimik zu wechseln weiß. Denn während auf einigen Bildern eine Reihe schwarz gekleideter, blau beschlipster Männer professionell bedrückt in die Kamera schaut, lachen mich auf anderen fröhliche Menschen in grünen T-Shirts an – Betriebsfeier? Brigadekegeln?
Unsere fachliche Kompetenz lässt uns auch die differenziertesten Wünsche unserer Kunden erfüllen - flexibel, ökonomisch, vertrauenswürdig und zeitnah.“ Boah, „zeitnah“! Trotz Kühlschrank! Fehlen nur noch die Slogans „vorsorglich“, „grundsätzlich“ und „nachhaltig“ – aber deren Einsatz erklärt sich von selbst.
Mehr erfährt man leider auf der Website nicht, dazu müsste man dann wohl doch zu einem persönlichen Termin ins ÄSCHARIUM® fahren. Mich spricht der Internetauftritt der Firma dennoch sehr an und ich bedaure es, meine Beisetzung in solch einem geschmackvollen Ambiente nicht erleben zu können.

Montag, 19. Februar 2007

KLICK KLACK KLOCK

Gestern im Flamenco-Workshop habe ich die Grundbegriffe des Kastagnettenspiels gelernt. Und vom Blatt gespielt! Mir war bisher nicht klar, dass es für Kastagnetten Partituren gibt. (Klar, jetzt leuchtet´s mir schon ein... Kastagnetten sind ja auch Orchesterinstrumente.) Grundsätzlich ist so eine Kastagnetten-Partitur einfach zu lesen.
Statt fünf Notenzeilen gibt es nur zwei (ist ja auch logisch, man hat ja nur zwei Hände und die Dinger können keine Melodie spielen): die obere steht für die rechte Hand (KLICK), die untere für die linke (KLACK). In der Mitte stehende (zusammengeklebte) Noten bedeuten, dass man beide Hände, also auch die Kastagnetten, zusammenschlagen muss – KLOCK. Die Noten sehen so wie auf jeder Partitur aus – Viertel-, Achtel-, Sechzehntelnoten... Man muss „nur“ auf Reihenfolge und Tempo von oben und unten (rechts und links) achten. Einzelnoten werden mit aufeinanderfolgenden Fingern auf der Kastagnette „gepunktet“ (genauso wie man aus Langeweile mit den Fingern den Radetzky-Marsch auf die Tischplatte klopft). Tja, und wenn man dann vom Blatt spielt (zu kindlich-lustiger Klavierbegleitung), hört sich das so an:
KLICK – KLICK – KLICK – KLICK – KLACK KLICKKLICK – KLACK KLICKKLICK – KLACK KLICK KLACK KLICK – KLACK KLOCK KLACK. Nur wie ich das dann irgendwann zusammen mit Fußgeklapper und Händekreisen auf die Reihe bringen soll, ist mir noch unbegreiflich.

Freitag, 16. Februar 2007

Morgens.

Heute morgen konnte ich einen jungen Mann beobachten, der versuchte, seine zwei Kinder in den Kindergarten zu bringen. Seine Tochter (schätzungsweise 5 Jahre alt) hatte dabei die Aufgabe, ihren kleinen Bruder (ca. 3) an der Hand eine Treppe hinunter zu führen. Der Papa kommandierte, sie solle den Kleinen gut festhalten. Als der Junge trotzdem auf die Stufen fiel und das Mädchen ihn nicht festhalten konnte, kriegte es vom Papa eins aufs Hinterteil. Sie brüllte empört: „Ich war doch aber gar nicht schuld!“ Ich musste grinsen, weil die Kleene recht hatte, und stellte mir vor, wie der Papa mich anfährt: „Was?! Wollen Sie mich jetzt runtermachen?!“ – „Nein“, hätte ich sagen können, „niemals würde ich mir anmaßen, Ihre Autorität zu untergraben. Das machen Sie besser alleine.“

Donnerstag, 15. Februar 2007

Mitten ins Herz – ein Song für dich

Gestern war Ladies Night im Cinemaxx. Also nichts wie hin mit Freundinnen und Kolleginnen! Gezeigt wurde o. g. Film mit Hugh Grant und Drew Barrymore – vor seinem eigentlich Start Anfang März! Das Kino war voll (offenbar hatten viele Männer ihren Frauen die Kinokarten zum Valentinstag offeriert – und deren bester Freundin gleich mit, damit sie nicht selbst mitgehen mussten), also saßen wir in der dritten Reihe und ließen uns von dort keine Einzelheit des Films entgehen.
Den Film werde ich mir sicher noch mal anschauen, schon um meinen Gesamteindruck zu korrigieren. „Music and Lyrics“, wie der Film viel poetischer im Original heißt, vereinte wirklich vieles: Romantik, poppige Musik, geistreichen Witz und (darauf stehe ich!) Ironie. Die Hauptdarsteller agierten gut miteinander, passten auch sehr gut zueinander: beide nicht mehr sooo jung (beinahe altmodisch) und damit perfekt für die Identifikation der „mittelalterlichen“ Zielgruppe, beide entsprechend unverkrampft und erfahren, wenn´s „zur Sache kommen soll“, und beide ohne Neigung zu sinnlosen, teeniehaft albernen Phrasen. Die gab es (als Kontrast) nur bei der neuzeitlichen Pop-Diva (Shanti! Shanti!), und stattdessen bei den beiden Protagonisten geistreiche Dialoge und kleine Sticheleien – wenn auch leider nicht genug. Denn aus irgendwelchen Gründen zogen sich Längen durch den Film. Ich meine nicht die Auftrittsszenen von Grant (die waren grandios! ich bewundere ihn für seinen Mut!), auch nicht die langen Komponierphasen des Duos (lustig untermalt von der Gepardy-Musik – das gehörte eindeutig zum Plot, hätte aber bissiger sein können), sondern diese Nebenhandlung, die die Figur der Barrymore lebendiger machen sollte: Zum einen der unsägliche Blumengießjob samt hypochondrischer Kaktusverletzung. Und zum anderen: wieso muss eine verhinderte Schriftstellerin unbedingt eine Vergangenheit in Form eines indiskreten, schmarotzenden Mäzens besitzen, der dann im Film nicht wirklich eine Rolle spielt (auch nicht bei der Aufarbeitung lang gepflegter Verletzungen im Off)? Jeder, der schreibt, weiß, dass es deprimierend genug ist, nicht gelesen zu werden. Das reicht, um Selbstzweifel zu kriegen. Und das wäre auch das angemessene Pendant zum Anti-Erfolg des veralteten Popstars gewesen. Oder hätte man dann keine äquivalente Szene zu der gefunden, als er heimlich im Bett das Buch über sie las, während sie sein vergeigtes Soloalbum hörte, nur, um sich gegenseitig besser kennen zu lernen? Für mich die rührendste Szene im Film. Echt süß!
Süß war die Barrymore ja auch wirklich, wie sie, wie immer und immer noch mädchenhaft, Herrn Grant anhimmelte. Trotzdem war sie eine ernstzunehmende Partnerin für Grant, was nicht nur ihrer Ernsthaftigkeit und Leidenschaft, sondern auch seiner überzeugenden Jungenhaftigkeit zu verdanken war, die (trotz seiner 46 Lenze) nicht peinlich wirkte. Das wiederum lag an Grants Talent, selbstironisch zu sein. Das kennen wir ja schon, aus „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ zum Beispiel. Aber hier übertraf er sich selbst. Nicht nur, dass er zu seinen Falten stand (aus der dritten Reihe waren die sehr gut zu erkennen!) und diese sogar extra für die Rückblenden wegretuschieren ließ – nein, er fand sich nicht zu erwachsen, um in albernen Eighties-Klamotten und (zu?) engen Hosen wirklich gekonnte Hüftschwünge hinzulegen und sich danach über die resultierenden Wehwehchen lustig zu machen – man konnte sehen, dass er Spaß dabei hatte und man hatte so selbst Spaß daran, einen neuen Hugh Grant zu entdecken. Durchaus sexy. Und er singt sogar selbst!
Sowieso gibt´s ein großes Lob für die Musik! Wer, wie ich, in den 80er Jahren aufgewachsen ist, freut sich sicher über poppige Rhythmen und schmelzende Balladen (der "Mainsong" Way back into love summt heute immer noch in meinem Kopf). Und so banal die meisten Texte auch waren (Pop halt) – ein Text war wirklich originell – Don´t write me off (Zitat): Die Pianoballade mit ihren charmant unbeholfenen Versen ist ein einzigartiges persönliches Statement von Alex: Der Film hat gezeigt, dass er kein großer Dichter ist, und so spiegeln seine mittelmäßigen Formulierungen perfekt wider, dass auch ein unperfekter Dichter einen von Herzen kommenden, gar nicht zynischen Love Song schreiben kann. Es ist kein großartiger Song, aber er ist bedeutend für die Situation, in der der Songwriter die Musik als Spiegel seiner Seele zu nutzen weiß.
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Don’t Write Me Off Just Yet

It’s never been easy for me
To find words that go along with a melody
But this time there’s actually something on my mind
So please forgive these few brief awkward lines

Since I met you my whole life has changed
It’s not just my furniture you’ve re-arranged
I was living in the past but somehow you’ve brought me back
And I haven’t felt like this since before Frankie said relax

And now I know based on my track record
I might not seem like the safest bet
All I’m asking you isDon’t write me off just yet

For years I’ve been telling myself the same old story
That I’m happy to live off my so-called former glories
But you’ve given me a reason to take another chance
Now I need you despite the fact that you’ve killed all my plants

And now I know that i’ve already blown more chances
Than anyone should ever get
All I’m asking you is don’t write me off just yet
Don’t write me off just yet…

Donnerstag, 8. Februar 2007

Kinder, Kinder...

Neulich fragte mich eine Kollegin, ob ich "guter Hoffnung" wäre, ich sähe so rosig und zufrieden aus. Mein "nein" ließ ihr Lächeln zerfließen; sie war sichtlich enttäuscht.
Oft (sehr oft!) werde ich gefragt, wann ich denn endlich ein Kind bekommen werde oder ob ich keine Kinder kriegen kann. Oder keine Kinder leiden kann. Dann fühle ich mich im Rechtfertigungszwang. Hiermit erkläre ich mich also – der Gesellschaft und mir selbst.
In irgendeinem Buch las ich mal: „Gelegentlich entscheiden Erwachsene, dass sie noch nicht erwachsen sind, und sie tun Dinge ohne Rücksicht auf die Gefühle anderer.“
Ja, so ist das wohl mit mir. Ich fühle mich nicht erwachsen, und für dieses Gefühl entscheide ich mich bewusst. Ich bevorzuge es, keine Verantwortung gegenüber anderen zu tragen. Und daraus resultiert auch mein Wunsch, kein Kind zu haben. Die Vorstellung, was es bedeutet, ein Kind in sich zu tragen, zu gebären und dann ungefähr 20 Jahre lang aufzuziehen, erschreckte mich schon immer. Ist das egoistisch? Ich denke schon.
Aber anders herum betrachtet: Ist es nicht auch egoistisch, sich ein Kind zu wünschen? Warum wünscht frau sich ein Kind?
Wie sich ein Kinderwunsch anfühlt, der keinen Grund braucht, kann ich mir einfach nicht vorstellen. Aber auch kaum eine Frau kurz vor der Dreißig wird sich deutlich machen: „Ich menstruiere jetzt seit ungefähr 17 Jahren, habe also circa zweihundert potentielle Kinder gemeuchelt und denke, dass ich jetzt einer Eizelle eine Chance auf ihr eigenes Leben geben sollte.“ Schon eher wird sie es für einfach an der Zeit halten, erwachsen zu sein und Verantwortung zu übernehmen. Und dazu gehört mindestens ein Kind. (Die biologische Uhr tickt ja angeblich! Ich fürchte aber, in Wahrheit rasselt der Zeiger der Gesellschaft lauter!)
Oder kann es sein, dass sie es vermisst, ein verantwortungsloses Kind voller Träume zu sein, das sein Leben noch vor sich hat? Dass sie deshalb einen kleinen Spiegel sucht, in dem sie sich wiederzufinden glaubt? Ein kleines Projekt, in dem sie ihre eigenen Träume verwirklichen kann?
Dass Frauen so etwas als Gründe für ihren Kinderwunsch zugeben würden, wenn ich sie fragte, glaube ich nicht. Nicht mal, dass sie sich dessen bewusst sind. Zumindest in meinem Umfeld habe ich beobachtet, dass es überwiegend Frauen sind, die diese Art von Torschlusspanik bekommen. Mit spätestens 28-29 wurden fast alle meine Freundinnen schwanger. Und ich war plötzlich eine Unnormale. Oder zumindest eine Un(ein)geweihte.
Sah ich mir die Männer dazu an, dann bemühten diese sich zwar redlich, Schwangerschaft und Kindbesitz als wunderbaren und erstrebenswerten familiären Zustand zu betrachten, aber ganz verstohlen schienen sie mir überrumpelt auszusehen. Spontan fallen mir nur drei Beispiele ein, bei denen die in einer konstanten Erstfamilie lebenden Männer verzückt von ihren Kindern schwärmen. Und einer davon kriegt regelmäßig von seiner Frau Auszeiten genehmigt, in denen er mit seinen Kumpels losziehen kann. Im umgekehrten Fall fallen mir mindestens fünf Männer (natürlich samt ehemals dazugehörenden Frauen) ein, deren Ersternsthaftbeziehungen trotz Kindern zerbrochen ist.
Stimmte da nun schon vor dem Nachwuchs etwas nicht zwischen beiden Erwachsenen? Und war dann das Kind, wie so oft behauptet wird, ein Versuch, die Beziehung zu kitten? Ich behaupte das nicht – ich spekuliere nur über den Grund des pränatalen Wunsches.
Meine Ergründungsfrage stöberte auch Menschen auf, die sich ein Kind wünschten, um im Alter nicht allein zu sein. Ist das nicht Egoismus pur? Ein Kind gleich mit der Erwartung in die Welt zu setzen, später für seine Erzeuger zu sorgen? In Dankbarkeit für sein Leben (das ja, biologisch betrachtet, nur Zufall ist) eigene Ziele den übertragenen Träumen der Eltern oder zumindest Kompromissen unterzuordnen? Viele werden jetzt sagen: „Bellis, Du bist egoistisch.“ Und meine Mutter würde hinzufügen: „... und undankbar!“ Mag sein.
Manchmal habe ich schon das Gefühl, ohne eigene Kinder etwas zu verpassen: Die Erfahrung, einen kleinen Menschen aufwachsen und sich entwickeln zu sehen. Ihm etwas Wertvolles von meinen Erfahrungen mitgeben zu können. Der Welt etwas zu überlassen, etwas, was von mir überlebt. Das ist doch aber eigentlich schon wieder so ein egoistischer Trugschluss: Dass mein Kind tatsächlich aus meinen Erfahrungen lernen und danach leben würde. Hey, das Kind wäre ein ganz eigenständiger egoistischer Mensch! So etwas darf man einfach nicht vergessen, sonst wiederholt man die Fehler der eigenen Eltern.
Ich glaube, ich wäre eine akzeptable Mutter. Sicher auch manchmal ungeduldig und genervt, klar. Die Mütter, die behaupten, das nie zu sein, lügen! Ich kann es ihnen ansehen.
Sowieso behaupten das auch nur selbsternannte Übermütter, die sich zusammen solche Sendungen, wie „Hurra, wir bekommen ein Baby (zu Hause in der Badewanne, und lad doch die Nachbarn gleich mit ein, es wird sowieso bisschen lauter)!“ oder „Die Super-Nanny (meine würden so was niemals machen!)“ anschauen. Oder die Vergesslichen, deren Kinder schon fast erwachsen sind, und die sich deshalb ekstatisch schreiend auf jedes Babybild stürzen: “Reinbeißen könnte man, in die kleinen Leberwurstbeinchen!“ Lässt man sie, dann machen die das glatt! Fragen diese Frauen sich eigentlich nie, was sie dem Kind damit antun? Denken die nicht an die Spätfolgen, die der Schock über die gekünstelt grinsenden Fremdgebisse dicht über dem eigenen Gesicht, die „Eididuddidududeidei!“-Geräusche und das Kniepen spitznageliger Finger in die eben frisch eingecremten Bäckchen auslösen könnte?
Wahrscheinlich würde ich ganz genau so ein Muttertier werden, die ohne Kind nirgends mehr erscheint – oder zumindest nicht lange bleibt, weil sie niemandem sonst ihr Kind anvertrauen möchte, nicht mal dem Kindsvater. Der wird höchstens schrillschimpfend angewiesen, wie langsam er das Auto zu steuern hat, wenn das Baby on board ist – auch wenn die Kindsmutter selbst die Rallye Dakar gewinnen würde.
Vermutlich wäre ich eine aus der Herde, die beim Brunch mit Freunden den Gesprächspartnern mit ihren verklärten Windelwarentestberichten und unerbetenen Ratschlägen ständig ins Wort fällt. Die hektisch Babyfotos und zufällig in der Handtasche vorhandenes Spielzeug zwischen sorgfältig arrangierten Kaffeetassen verteilt und den dem Kind sorgsam entfernten Popel auf die Untertasse schmiert. Die mit dem Teelöffel in die Marmelade fährt, um dem Baby ein Leckerli zu gönnen, und danach achtlos den besabberten Löffel zurück ins Marmeladenglas stellt. Und die kindgemäße Ermahnungen („Nananawasmachstdudennda- meinkleinessüßesschätzchen!“) von sich gibt und dann gönnerhaft das beschmadderte Baby dem kinderlosen Tischnachbarn auf den Schoß drapiert, um ihn, glücklich ihre wahre Bestimmung ausstrahlend, zu kontaminieren, „damit sie mal eben paar Minuten Zeit für sich selbst auf dem Klo hat, hahaha“.
Eventuell würde ich auch pausenlos meinen Kolleginnen und Freundinnen von den Sorgen, die die Heranwachsenden bereiten, berichten. Wie meine Kollegin, die sich trotz großer Anstrengung immer noch nicht komplett von ihren leider noch nicht ganz selbstständigen Kindern abgenabelt hat. „Stell dir vor“, erzählte sie neulich, als ich gerade hungrig in meine Frühstücksstulle biss, „da holen wir die Große von der Schule ab, um mit ihr einkaufen zu fahren, und da stinkt es schon, als sie ins Auto steigt. ´Ich muss dringend kacken!`, war ihre Erklärung, aber kacken konnte sie natürlich nur zu Hause, also fiel der Einkauf aus...“ Aber wenn sie einmal lächeln, kriegst du alles zurück?
Uff! Nee, so mütterlich möchte ich einfach nicht sein! Natürlich gibt es auch ganz andere Mütter (ich beobachte das erstaunt in meinem Freundeskreis), die das Windeln vorrangig vom Vater erledigen lassen und die ihr Kind mindestens einmal pro Woche bei der Oma / Nachbarin / besten Freundin unterbringen, weil es auf Konzerten und im Freiluftkino nicht mehr die ganze Zeit im Kinderwagen durchschläft. Diese Mütter schaffen es tatsächlich, nicht jede Viertelstunde per Handy nachzufragen, ob auch wirklich alles in Ordnung ist. Aber das sind Ausnahmen. Möglicherweise würde ich dazugehören. Vielleicht aber auch nicht.
Ich bin also ganz bestimmt egoistisch, wenn ich weiterhin die Annehmlichkeiten meines kinderlosen Lebens uneingeschränkt genießen will. Wenn ich mir selbst am wichtigsten bin. Aber wie sollte ich das nicht sein? Ich bin die Einzige, die mich von innen betrachten kann. Die also weiß, was sie sich wünscht und wie sie leben möchte. Alle anderen, selbst die Vertrautesten, können nur raten oder fragen. Und selbst meine Antwort an sie scheint nur unzureichend ausdrücken, was in mir vorgeht. Ich weiß nur eins sicher: ich brauche kein Kind, um selbst eins zu sein.

Das Paar.

Foto: Keystone